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Münchner Freiheit: Amazon Prime zeigt die schillernde Geschichte der Schickeria

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Von: Katja Kraft

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Barbara Valentin und Freddie Mercury in München
München-Liebe: Freddie Mercury (1946-1991) lebte von 1979 bis 1985 in München. Mit Busenfreundin Barbara Valentin (1940-2002) ließ er es ordentlich krachen. © dpa Picture-Alliance / Ursula Düren

Die Münchner Schickeria: Da denkt man an Helmut Dietls Kultserie „Kir Royal“ von 1986. Tatsächlich begann diese schillernde Münchner Epoche aber früher. Ab den Sechzigern wurde es verrucht in München. Amazon Prime Video zeigt ab 19. August 2022 die Doku-Serie „Schickeria. Als München noch sexy war“. 

Ob Rod Stewart nun wirklich Sex unter dem Restauranttisch hatte? Kay Wörsching würde es nicht beschwören. „Ich saß mit an dem Tisch damals, wir waren eine große Gruppe. Rod Stewart und seine Begleitung sind dann für einige Zeit abgetaucht – aber was da unten genau passiert ist? Es hat niemand die Decke hochgezogen“, erzählt Wörsching schmunzelnd. Die Gastronomie-Legende weiß ja um diese hübsch unanständige Geschichte, die man sich in München über den britischen Sänger erzählt. Vielleicht hätte niemals jemand davon erfahren, hätte an diesem Abend irgendwann in den Siebzigern nicht auch Klatschreporter Michael Graeter in Wörschings Kay’s Bistro gesessen. „Der Michael hat solche Sex-Skandale geliebt und gern in seinen Artikeln ausgeschlachtet.“ Und so zur Legendenbildung einer Zeit beigetragen, in die man als Spätergeborene bitte sofort zurückgebeamt werden möchte. Wie bunt es damals zuging, wie lebensfroh, wie ungehemmt!

Die Münchner Gastronomie-Legende Kay Wörsching
Gastronomie-Legende: Kay Wörsching. 30 Jahre lang hat er in München das legendäre Kay’s Bistro betrieben, wo Weltstars von Leonard Bernstein bis Mick Jagger ein und aus gingen. Heute führt er das Café Marimba. © Jantz

So scheint es jedenfalls, schaut man die Dokumentation „Schickeria“, die ab heute bei Amazon Prime Video verfügbar ist. Untertitel: „Als München noch sexy war“. In vier 45-minütigen Folgen beleuchtet die Produktion die Münchner Schickeria-Szene von den Sechzigern bis Ende der Achtziger. Denn dieser Begriff „Schickeria“, den hat ja nicht erst Helmut Dietl mit seiner legendären Serie „Kir Royal“ geprägt. Als die 1986 herauskam, war die beste Zeit der Münchner Gesellschaft bereits vorbei. Was in den Sechzigern als Szene von Künstlern, Hippies, Schauspielern, Hedonisten begann, die das Leben ausgekostet und für ihre individuelle Freiheit gekämpft haben, von dem blieb am Ende nur noch eine Bussi-Bussi-Gesellschaft, die zwar auch gern schick gekleidet und beschickert war – ansonsten aber wenig gemein hatte mit den Anfängen.

„In der Rückschau muss man sagen: Die Siebziger und Achtziger waren die schönste Zeit. Gut, damals war ich natürlich auch jünger, da findet man alles schöner“, sagt Kay Wörsching. Und doch: „Es war tatsächlich lockerer, unbeschwerter.“ Und er mittendrin. 1976 eröffnete er als 28-Jähriger sein Bistro. Es sollte zu dem Laden mit der höchsten Promi-Dichte in Deutschland werden. „Prominent, das kommt von prominens – hervorragend. Wer ragt denn heute noch hervor? Die meisten sogenannten Influencer sind doch nur bekannt dafür, sich ins rechte Fotolicht zu setzen. Die Menschen, die heute Hervorragendes leisten, die echte Weltstars sind, die trauen sich ja gar nicht mehr, einfach so ins Restaurant zu kommen, ohne Bodyguard.“ Weil sie immer auch um Menschen fürchten müssen, die sie mit dem Smartphone fotografieren. Damals aber: die große Freiheit. Und dem süßen Duft danach folgten sie alle. Mick Jagger, Alain Delon, Gianni Versace. Sie liebten nicht nur München, sie liebten Kay’s Bistro. Leonard Bernstein war Stammgast, lud den Gastronomen gar zu sich nach New York ein. Wörsching nahm die Einladung an. Wenn er von dem privaten Fest bei Bernstein erzählt, mit Lauren Bacall als Türöffnerin und Teresa Stratas, die die Cocktails mixte, ist das eine herrliche Geschichte für sich.

Frauen und Männer demonstrieren 1972 vor dem Münchner Club Blow Up gegen Büstenhalter
Protest: Weg mit den Büstenhaltern! Frauen – und Männer – demonstrieren 1972 vor dem Club Blow Up für mehr Freiheit, in jeder Hinsicht. © Gebhardt

Die Promis, die echten Promis, die kamen also alle zu ihm. Warum? „Ich hatte damals einen Bekannten, der immer behauptet hat, er kenne die Gina Lollobrigida. Hab’ ich natürlich nicht geglaubt. Eine Woche, nachdem ich eröffnet hatte, ruft der mich an und sagt: ,Heute Abend komme ich mit der Gina.‘ Hab ich immer noch nicht geglaubt“, erzählt Wörsching. Doch dann stand sie da, die Gina Lollobrigida. Im Zobel. Wörschings Bekannter daneben, im Affenfellpelz. Schon das heute undenkbar. Und durch Zufall kommt am selben Abend auch noch Gilbert Bécaud vorbei, der zuvor ein Konzert in München gegeben hatte. Die Schauspielschönheit und der 100 000-Volt-Mann sehen einander, begrüßen sich mit offenen Armen, die Menschen an den Tischen lassen ihr Besteck fallen vor Verblüffung. Am nächsten Tag zeigt eine Zeitung ein Foto von Gina und Gilbert und titelt: „Kay’s Bistro – Münchens neue Promi-Adresse“. Es ist der Beginn einer 30-jährigen Erfolgsgeschichte.

Mario Adorf als Generaldirektor Haffenloher in „Kir Royal“, Helmut Dietls Persiflage der Münchner Schickeria
Kult: Mario Adorf als Generaldirektor Haffenloher in „Kir Royal“, Helmut Dietls Persiflage der Schickeria. © Allstar

In den Gästen und den Partys, die da – sieben Tage die Woche, elf Monate im Jahr – gefeiert wurden, spiegelt sich die Entwicklung Münchens wider. Es ist die alte Geschichte: Anfangs kommen die Kreativen, dann wollen auch die Geldigen mitspielen. Eine kurze Zeit überschneidet sich das, ist da ein brodelnder Mix aus allen Schichten, Interessen, Charakteren. Bis das Geld ganz übernimmt und die anderen verdrängt.

Wo ist sie hin - die Münchner Freiheit?

Kay Wörsching sieht neben der Gentrifizierung noch weitere Gründe für den langsamen Abrutsch der Schickeria in eine oberflächliche Sehen-und-Gesehenwerden-Masse: „Ein entscheidender Punkt war, als die Aids-Welle aufgekommen ist. Da ist auch etwas von der Lebensfreude erloschen. Das war schon wie ein Schlag ins Kontor.“ Und als dann Berlin Bundeshauptstadt wurde, seien viele interessante Leute nach Berlin abgewandert. „Spannende Menschen, die München gefehlt haben. Das sind Einschnitte, die das berühmte leichte Münchner Lebensgefühl sehr gedämpft haben.“ Wenn man die Amazon-Prime-Video-Dokumentation „Schickeria“ sieht, wird man ein bisschen neidisch. Und fragt sich: Wie finden wir zurück, zur großen Münchner Freiheit?

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