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Münchner Gärtnerplatztheater: Skandal mit Handbremse

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Von: Markus Thiel

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Szene aus Peter Lunds Inszenierung von Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“ am Münchner Gärtnerplatztheater.
Die Weltflucht eines Künstlers thematisiert Kreneks 1927 uraufgeführter Opernhit, hier eine Szene mit Alexandros Tsilogiannis als Max, der eigentlichen Hauptfigur. © Christian Pogo Zach/Münchner Gärtnerplatztheater

Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“ wurde 1927 uraufgeführt und war 1928 zum ersten Mal in München zu sehen. Jetzt hat Peter Lund die Oper fürs Gärtnerplatztheater inszeniert. Unserer Premierenkritik:

Womöglich hat jeder seinen Gletscher. Irgendein Rückzugsgebiet, ob hoch droben oder tief drinnen, in dem sich Welt und Alltag so schön ausblenden lassen. Max, die eigentliche Hauptfigur dieser Oper, ist gern in alpinen Welten unterwegs, die hier Erstarrung, Unnahbarkeit bedeuten. Dieser Komponist blendet gleich mehrere Realitäten aus. Die der aufkommenden Neuen Musik, die seine eigenen Werke zu überfahren droht. Und etwas, das mit Beziehung, echter Liebe und ungeteilter Hingabe zu tun hat.

Weltflucht eines Künstlers, das Verhalten zur Wirklichkeit, das Leiden an sich selbst, all dies ist ein ziemlich aktuelles Thema, mit dem man in Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“ konfrontiert wird. Erst recht in einer Zeit, in der sich die Kreativen zu der Frage genötigt sehen: Und wie hältst du’s mit dem Jetzt, mit der Politik? Je länger man diese Premiere am Münchner Gärtnerplatztheater also verfolgt, desto mehr rückt das Konzept von Regisseur Peter Lund in den Hintergrund. Der dachte beim 1927 in Leipzig uraufgeführten Hit an Historisierendes: an eine Beschwörung der Münchner Erstaufführung ein Jahr später, ebenfalls am Gärtnerplatz, wo der rechte Mob gegen die vermeintliche Jazz-Oper pöbelte. Und dabei – der Titelheld ist afroamerikanisch – das böse N-Wort in den Mund nahm.

In München kam „Jonny spielt auf“ 1928 erstmals heraus

Bühne (Jürgen Franz Kirner), besonders Kostüme (Daria Kornysheva) werden da zur Zitaten- und Stoffsammlung. Eine Reminiszenz an die Zwanzigerjahre, die damals längst nicht mehr golden waren. Und ein bisschen Theater auf dem Theater: Das Bühnenpersonal inklusive schwarz bemaltem Jonny (nur so darf Blackfacing sein) wird hier mit der missmutigen Staatsmacht konfrontiert. Zur Erinnerung wird das auch an die damalige Ästhetik zwischen Bauhaus, Expressionismus, Revue-Choreografie und übermenschengroßem Volksempfänger. Eine im Wortsinn ver-rückte Szenerie also, die ausgesprochen gut zur Musik Kreneks passt.

Doch den entscheidenden Schritt hin zu einer wirklich drastischen Übersetzung der damals aufgeheizten Münchner Stimmung ins Szenische, den hat Lund nicht gewagt. Einmal ruft das Volk zwar „Schande“, in der Finalnummer treten alle als Untote an die Rampe, das war’s dann aber auch. Man wird Zeuge einer gut geölten, kurzweilig organisierten Aufführung, in der Karikaturen-Parade, Tänzchen und Bizarrhumor ineinandergreifen, die aber im entscheidenden Moment die Handbremse zieht.

Dirigent Michael Brandstätter interessiert das Laute, Drastische

Ganz anders Dirigent Michael Brandstätter mit dem Gärtnerplatzorchester. Dass Krenek eine bis zum Kolbenfresser heißlaufende, druckvolle, grelle Musik geschrieben hat, bekommt man überdeutlich auf die Ohren. Das Laute, Drastische, Kurzatmige interessiert Brandstätter sehr. Weniger, wie damit Sängerinnen und Sänger zurechtkommen. Vor allem Ludwig Mittelhammer als auch vokal agiler, klangschöner Sympathieträger Jonny hat darunter zu leiden. So gut wie kaum dagegen Alexandros Tsilogiannis, der den exaltierten Ausbrüchen von Max mit nimmermüder Heldentenor-Emotion begegnet.

Mathias Hausmann als Nebenbuhler Daniello bewegt sich stil- und stimmbewusst zwischen Parlando und intelligent kontrollierter Emphase. Bei Judith Spießer ist das Zimmermädchen Yvonne keine quecksilbrige Piepsmaus, sondern – gerade in der feinen Nuancierung – eine Konkurrentin von Anita. Die gestaltet Mária Celeng mit Lust am Diven-Aplomb: Jeder große, stöckelnde Auftritt wird mit charakteristischem Puccini-Intervall eingeleitet. Dass diese Frauenfigur ihr Leben immer ein, zwei Eichstriche über Normalwert bestreitet, hört man, gegen Ende führt das allerdings zu Verhärtungen.

Münchner Gärtnerplatztheater: „Jonny spielt auf“ ist in acht Kapitel unterteilt

Auch alle anderen werden von Lund gut beschäftigt in einer Aufführung, die ihr Historisieren und Surrealisieren einen Tick zu aufdringlich vor sich herträgt. Zwischentitel wie im Stummfilm gibt es, der Abend wird damit in acht „Kapitel“ eingeteilt. Doch manchmal ächzt das unter der Dramaturgenlast, wenn am Ende die „Integration des Modernen in den Volkskörper“ gezeigt werden soll. Dabei könnte es sein, dass Krenek ja ganz anderes im Sinn hatte: einfach nur eine hochtourige, musikalisch polyglotte Satire.

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