Szene aus „Edward II.“ im neuen Münchner Volkstheater mit Jan Meeno Jürgens in der Titelrolle und Pascal Fligg als Erzbischof.
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Seine Liebe widerspricht ihren Regeln: Edward II. (Jan Meeno Jürgens, re.) wird vom Erzbischof (Pascal Fligg) gezwungen, die Krone abzugeben. Szene aus der Eröffnungs-Produktion im neuen Münchner Volkstheater.

Münchner Volkstheater: Kritik zur ersten Premiere im neuen Haus

Verbotene Liebe: „Edward II.“ am Münchner Volkstheater

  • Michael Schleicher
    VonMichael Schleicher
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Das neue Münchner Volkstheater ist eröffnet. Zum Start inszenierte Intendant Christian Stückl „Edward II.“ von Christopher Marlowe. Unsere Premierenkritik:

Es gibt dieses Volkslied nach dem Gedicht „Der alte Landmann an seinen Sohn“, von Ludwig Hölty im 18. Jahrhundert geschrieben. Gleich in der ersten Strophe heißt es, in kaum gemilderter Brutalität: „Üb immer Treu und Redlichkeit/ Bis an dein kühles Grab/ Und weiche keinen Finger breit/ Von Gottes Wegen ab.“ Keine Frage, es sind die Autoritäten, die über die Einhaltung des Befehls wachen. Und ebenso klar: Viel Raum zum Atmen, Leben, Freisein lassen diese Wegmarken dem Menschen nicht. Schon das Überschreiten um die Breite eines Fingers gereicht ihm zum Schaden.

Münchner Volkstheater: Love is Love

Wie eng die Grenzen aber tatsächlich gezogen sind, macht im Münchner Volkstheater Stefan Hageneiers Bühnenbild für „Edward II.“ klar: Stahlleisten, meist im rechten Winkel montiert, dulden kaum mehr als einen Menschen zwischen ihren Streben; obendrein betont deren Neonlicht den Rahmen des Erwünschten zusätzlich. In dieses Korsett passt lediglich, was Adel, Klerus, Militär – in diesem Fall die Autoritäten – dulden. Eine homosexuelle Liebe zählt nicht dazu.

Das neue Münchner Volkstheater liegt im Schlachthofviertel

Zum Start am neuen Standort seines Hauses im Münchner Schlachthofviertel hat Intendant Christian Stückl das 1592 uraufgeführte Drama von Christopher Marlowe (1564-1593) inszeniert; am Freitag wurde das Volkstheater mit dieser heftig beklatschten Premiere eröffnet. Der Regisseur, der den Stoff bereits 1993 im Werkraum der Münchner Kammerspiele einrichtete, nutzt die erneute Beschäftigung mit „Edward II.“, um Machtstrukturen zu entlarven, die einzig zur Durchsetzung individueller Interessen dienen und allzu oft dem Menschen das Menschsein austreiben. Es ist hier vor allem die Kirche – Pascal Fligg spielt den Erzbischof von Canterbury mit perfider Kühle –, die sich gegen die Liebe zwischen Edward und dem Franzosen Gaveston stellt und diese in aller Brutalität zu vernichten trachtet.

Dass der König nur Augen für den Mann seines Herzens hat und darüber die Staatsgeschäfte schleifen lässt, gerät in der kompakten Inszenierung in den Hintergrund. Zunächst arbeitet Stückl eindringlich heraus, was den Herrscher von den anderen unterscheidet: Er hat Zeit. Während der Hofstaat auf den König wartet, schaumbadet Edward mit dem Liebsten. Jan Meeno Jürgens mit wunderbar gefönter Kini-Gedächtnisfrisur und Alexandros Koutsoulis, der Gaveston als eine Mischung aus spätem Kinski und frühem Rainald Goetz beim Bachmann-Wettbewerb anlegt, zeigen fortan vor allem: die wahrhaftige Liebe ihrer Figuren. Und die ist grenzenlos.

Münchner Volkstheater: tolle Akustik auf Bühne 1

Gespielt wird vom gesamten Ensemble mit großer Freude. Wobei es auf der Hand liegt, dass dieser besondere Premierenabend einen weiteren Hauptdarsteller hatte: die neue (Dreh-)Bühne. Diese hat eine herrliche Tiefe, die Stückl für Auf- und Abtritte geschickt nutzt. Zudem beeindruckt die Akustik des Raumes. Während im alten Volkstheater an der Brienner Straße mancher Satz dumpf von der Rampe plumpste und keine Wirkung im Saal hinterließ, hat im neuen Haus – zumindest in Reihe 9 – jedes vorne gesprochene Wort seinen glasklaren Auftritt. Auch die atmosphärische Musik der Acher-Brüder entfaltet beglückende Klang-Brillanz.

Am Ende der zwei Stunden verhüllt wie zu Beginn eine pittoresk bemalte Tapete das kalte Stahlgerüst der Macht – und Edwards Sohn greift selbstbewusst nach der Krone. Ob es dem Bub gelingen wird, freier zu leben als sein Vater? Es bleibt Hoffnung.

Lesen Sie hier unsere Kritik zum Konzert der österreichischen Band Granada im Münchner Volkstheater.

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