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Münchner Volkstheater: Hier rappt Antifuchs

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus der Trap-Oper „cloud*s*cape“ im Münchner Volkstheater.
„cloud*s*cape“ im Münchner Volkstheater geht der Frage nach, wie weit der Protest für eine gute Sache gehen darf. © Arno Declair/Münchner Volkstheater

Im Münchner Volkstheater trifft Hip-Hop auf Schauspiel: Hier wurde die Trap-Oper „cloud*s*cape“ von Tobias Frühauf uraufgeführt. Unsere Premierenkritik:

Die Zukunft ist eine Baustelle. Die Malerfolie und Gerüste, die Denise Heschl und Jakob Brossmann auf die Bühne 2 des neuen Münchner Volkstheaters gebracht haben, erinnern daran. Und um nichts anderes als die Zukunft, um unsere und die des Planeten, dreht sich „cloud*s*cape“, die Trap-Oper von Tobias Frühauf, die am Freitag uraufgeführt wurde.

Münchner Volkstheater: „cloud*s*cape“ verbindet Hip-Hop und Schauspiel

Trap ist eine Spielart des Hip-Hop, ein ziemlich fetter, treibender Sound. Eine Musik, bei der man unbedingt mitwippen muss – dem Drumcomputer kommt eh keiner aus. Der Stil hat seinen Namen aus den Straßen der USA. „Trap“ meint dort jenen Ort, an dem die Drogendeals stattfinden. Auch das passt wie der großartige Beat in diesen 90 Minuten, denn in „cloud*s*cape“ wird um den Fortbestand der Erde gedealt.

Frühauf zeichnet in seiner Schreckensvision einer womöglich nahen Zukunft die heute schon bekannten Konfliktlinien nach: Da die alte, satte Generation, für die im Stück der Zukunftsminister Dr. Kassler steht. Der will rausholen, was geht. Gedanken an die Jugend, an die Schöpfung? Ach was! „Folgen sind die Folgen für diejenigen, die folgen“, sagt er – und die sind ihm völlig wurscht. Darauf ein Glas Schmelzwasser von den Polkappen.

Münchner Volkstheater: Vorlage sind die „Fridays for Future“-Proteste

Auf der anderen Seite: Die junge Klimaschutzbewegung „Unswelt!“, die vor der Frage steht, wie weit Aktivismus gehen darf und muss, damit sich etwas ändert. Vor allem im Anblick verrinnender Zeit und verbohrter Erwachsener. „Wir machen die Proteste – die die Gesetze“, heißt es einmal. Also: Immer radikaler, auch wenn’s Tote gibt? Oder bringt’s mehr, durch die Institutionen zu marschieren? „Wir müssen in das Spiel, um etwas zu verändern“, ist etwa Susan überzeugt. Doch die Bewegung hat noch ein anderes Problem: Die meisten Menschen hängen in der virtuellen Welt ab, in der „cloud*s*cape“, die dem Stück den Namen gibt und ablenkt von allem, was das „real Life“ so schön, aber auch so schwer macht. Fridays for Feiern ist da angesagt, mit freundlichen Grüßen aus der „Matrix“.

Mit seinem Stück reagiert Frühauf, Jahrgang 1994, auf die Klimadebatte; nach den enttäuschenden Ergebnissen der Konferenz in Glasgow hat es nochmals an Aktualität gewonnen. Wie so häufig im Musiktheater sind seine Figuren Stereotype, die Tiefe der Charaktere interessiert den Autor ebenso wenig wie deren Entwicklung. Sie produzieren Thesen, die Positionen aufzeigen. So ist vor allem die Form spannend, die er und der 1997 geborene Regisseur Philipp Wolpert wählen: Mit der Trap-Oper sind sie nah dran an ihrer Generation, daher wirkt auf der Bühne des Volkstheaters auch nichts aufgesetzt. Hier wird Jugendsprache nicht kopiert, hier wird Jugendsprache zur Bühnensprache. Es funktioniert bestens.

Münchner Volkstheater: Kraftzentrum des Abends ist Antifuchs

Kraftzentrum des Abends ist jedoch die Musik. Und mit Antifuchs hat das Duo Frühauf/Wolpert, das unter dem Label „Tacheles und Tarantismus“ firmiert, eine der derzeit spannendsten Deutschrap-Künstlerinnen in diese Inszenierung eingebunden. Die Antifuchs-Lyrics geben dem Abend mehr Tiefe als jeder Dialog. Titel wie „Antidepressiva“, „Stunde Null“ oder das fabelhafte „Bubblegum Dreams“ sind feinste, punktgenaue Wortakrobatik, bei der jede Zeile sitzt. Zusammen mit den Musikern Michel Schulze und Michal Strychowski, der zudem die Videospiel-Ästhetik auf die Leinwand beamt, gelingt es Antifuchs, sich organisch ins Spiel des Ensembles zu integrieren. Aus diesem sticht vor allem Jonathan Müller heraus, der ja schon in „Indien“ gezeigt hat, dass er rappen kann. For safe. Eindrucksvoll ist auch, was die Volkstheater-Technik in dieser Produktion leistet: Der Mix aus Text und Musik, aus Beats, Sound, Dialogen und Lyrics ist glasklar abgemischt. Die Bühne 2 im neuen Haus ist akustisch einfach ein herrlicher Ort für Konzerte.

Ja, die Zukunft ist eine Baustelle. Ob Malerfolie und Gerüste an diesem Abend für Aufbau oder Abriss stehen, ist indes nicht entschieden. Noch nicht.

Heftiger Applaus, vereinzelt Standing Ovations.

Lesen Sie hier unsere Kritik zu „Edward II.“, der ersten Premiere im neuen Münchner Volkstheater.

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