1. Startseite
  2. Kultur

Münchner Kammerspiele: So gut ist die Satire „Jeeps“

Erstellt:

Von: Teresa Grenzmann

Kommentare

Eine Szene mit der Schauspielerin Eva Bay aus der Uraufführung „Jeeps“ an den Münchner Kammerspielen.
Münchner Kammerspiele: „Jeeps“ (hier eine Szene mit Eva Bay) ist eine beißende Satire. © Armin Smailovic/Münchner Kammerspiele

Nora Abdel-Maksoud, 1983 in München geboren, hat im Auftrag der Kammerspiele eine Satire geschrieben. Jetzt wurde „Jeeps“ uraufgeführt. Unsere Premierenkritik:

Ein verhaltenes Klopfen – von einer Tastatur? Ein schabendes Fegen – wie von Papier? Ein fester Schlag – ein Stempel? Irgendwann ein beherzter E-Gitarrenakkord, eine Zeile rauer Gesang, und tatsächlich: Dort, rechts auf der Vorbühne, sitzt der Musiker Enik im schwarzen Rolli und begleitet diese Uraufführung im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele mit etwas, das man mit viel Fantasie den maximal minimalistischen Sound der Bürokratie nennen könnte.

Münchner Kammerspiele: „Jeeps“ ist eine Auftragsarbeit

An diesem neunzigminütigen Komödienabend, dessen brisante, brillante und böse Pointen zielgenau auf die freiliegenden Nerven der Vermögensverteilungs- und Neiddebatte hageln, wirkt jene Unterdosierung alias „Hartz IV-Schamane“ Volkmar hochkurios. Denn Friedlichkeit, Unaufgeregtheit, ja Geduld sind Eigenschaften, welche die eskalierende Lage in Nora Abdel-Maksouds Auftragssatire „Jeeps“ eigentlich entbehrt.

„Jeeps“: Was ist die „Eierstocklotterie“?

Unterlag der Zufall, in welche Familie ein Mensch geboren wird, schon immer der „Eierstocklotterie“, so entscheidet nun, nach einer rigorosen Erbrechtsreform, ein „Erbschafts-Los“ auch über seinen Nachlass. An einem Ort, an dem die Existenz ohnehin der staatlichen Gewalt ausgeliefert ist: im Jobcenter. Schlechtestenfalls erben die „Opferwürste“ dort fremde Schulden – dann geht’s gleich nach nebenan, zur Arbeitsvermittlung. In dieser überfüllten Wartehalle herrschen nun die Kinder der Arbeitssuchenden, weil die weniger Platz einnehmen: „Beim Mittagsschlaf konnte man sie stapeln.“

Münchner Kammerspiele: ein glänzendes Ensemble

Mit Föhnwelle, Schlaghosen, Cordjackett, beißendem Typenhumor und grotesker Gefühlsraserei versetzen Stefan Merki, Eva Bay, Vincent Redetzki und Gro Swantje Kohlhof dieses Endspiel ohne Klassenunterschiede auf den grüngammeligen Teppich der Bürokratie zwischen den Wolltapetendrehtüren eines Siebzigerjahre-Amtsgebäudes (Bühne und Kostüme: Katharina Faltner; Mitarbeit: Janina Sieber). Ist es wahnsinniger, nichts vom Vermögen der eigenen Eltern abgeben zu wollen, das man zwar nicht selbst verdient, aber doch „mittelstandelnd“ verdient hat? Oder vom 13 Jahre lang erarbeiteten Lohn einen fünfstelligen Betrag zu sparen, um sich in einem nutzlos riesigen Jeep die „schwarz glänzende Schaumkrone des Spätkapitalismus“ zu leisten?

Weder Gründerin Silke mit ihrem Start-up „Laptops in Lederhosen“ und den Schwabinger Eigentumswohnungen ihres Vaters noch Sachbearbeiter Gabor in seiner zynisch amtsdeutschen „Herrschaftsausübung“ als Losfee profitieren von ihren Überzeugungen. Gabors über das „frisch prekarisierte Bürgertum“ großklotzender Kollege Armin indes sowie die intrigante Maude, ehemals erfolgreiche Verfasserin von Heftromanen, heute feilschend um das eingesammelte Flaschenpfand, das ihr „als selbstständige Tätigkeit“ vom Regelsatz abgezogen wird, sie alle offenbaren Abgründe um Abgründe, bis zum letzten Wort – im Angesicht von 400 Milliarden Euro Erbmasse pro Jahr und einer Kinderarmut von 20 Prozent.

Auch interessant

Kommentare