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Erzählen den Swing: Peter Wortmann und Bernhard Ullrich (re.) bieten 26 Mitwirkende in vier Ensembles.

München swingt wieder - zu Ehren von Goodman

München - "München swingt" wieder: Die Jazz-Reihe zu Ehren von Benny Goodman findet dieses Jahr zum achten Mal statt. Bernhard Ullrich und Peter Wortmann sprachen vor dem Konzert über ihr besonderes Projekt.

Legenden leben davon, dass sie erzählt werden, wieder und wieder. So gesehen könnte man Bernhard Ullrich einen Erzähler nennen. Seit fünf Jahren trägt der Leiter des Wine and Roses Swing Orchestra dazu bei, die Erinnerung an einen Meilenstein der Jazzgeschichte wachzuhalten. Morgen, wenn es im Gasteig zum achten Mal heißt „München swingt“, tut er das in besonderem Rahmen.

Eine neue Bigband zu gründen, wenn auch mit elfköpfiger Stammbesetzung nur eine „Small Bigband“: Ein alter Traum gab dem Münchner Musiker, Regisseur und Produzenten Peter Wortmann vor fünf Jahren den Mut zu diesem Schritt. Von Jugend an schwärmte er von dem berühmten Konzert in der Carnegie Hall, mit dem Benny Goodman 1938 dem Swing den Weg in die Konzertsäle geebnet hat. Wortmann wollte Ausschnitte aus diesem Konzert nach 70 Jahren wieder live zu Gehör bringen und fand in dem Klarinettisten Bernhard Ullrich einen Mitstreiter. „Ich war begeistert“, erinnert sich der freiberufliche Musiker, der zunächst ein klassisches Musikstudium absolviert und dann in Frankfurt Jazzsaxophon studiert hat. „Swing hab ich schon immer gerne gespielt, und wenn man das in einer guten Form auf die Bühne bringt, dann freut man sich als Musiker.“

Dass ihm als Bandleader und Klarinettist der Part des weltberühmten Benny Goodman zufällt, empfindet der 46-Jährige nicht als Last, allenfalls als Herausforderung. „Man wird immer wieder motiviert, zu üben und sich die Originale anzuhören“, sagt er. Doch einem Zwang zur exakten Kopie will sich Ullrich nicht unterordnen. „Ich nehme mir die Freiheit, mich vom Moment und von den Mitmusikern inspirieren zu lassen. Das kann mal ein bisserl moderner sein und mal ein bisserl originaler im Benny-Goodman-Jargon.“

Vielleicht ist es gerade diese Freiheit, die Stücke wie „Don’t Be That Way“, „Body And Soul“, „Blue Reverie“, Stompin’ At The Savoy“ und „Bei mir bist du schön“ zu Evergreens gemacht hat. Sie swingen bis heute, wenn das Wine and Roses Orchestra – zu dem Namen hat sich Peter Wortmann von Henry Mancinis Song „Days Of Wine And Roses“ inspirieren lassen – sie wieder aufleben lässt.

Und vielleicht ist es gerade eine Stärke dieses Orchesters, dass seine Mitglieder – allesamt Profis, die ihr Hauptgeschäft in anderen Formationen und zum Teil in anderen Musikgenres machen – hier nicht nur mit handwerklicher Perfektion, sondern allesamt mit dem Herzen dabei sind. Das verbindet sie mit dem Publikum, in dem die grauen Häupter überwiegen. Ein Anblick, der Ullrich aber keine Sorgen macht: „Auch vor 20, 25 Jahren war das schon so“, sagt er. „Viele kommen ja auch erst mit einem gewissen Alter dazu, einen guten Rotwein zu verstehen. So ist es mit der Musik auch. Man erweitert sein Spektrum und sucht nach neuen, tieferen Genüssen. Auf dem Weg kommen viele erst spät zum Jazz.“

Ullrich gibt ihnen gerne Orientierungshilfe. Ob mit der Bigband, für die er maßgeschneiderte Arrangements schreibt, oder der kleineren, auf Blues und Soul ausgerichteten Formation namens Wine and Roses Swing Society: „Bei jedem Konzert will man dem Publikum ja auch ein bisschen was zeigen, da ist so ein kleiner pädagogischer Auftrag“, sagt der 46-Jährige.

Ganz besonders freut er sich deshalb darauf, bei der inzwischen achten Auflage von „München swingt“ dabei zu sein. „Eine kleine Geschichte des Jazz“ will Peter Wortmann dem Publikum mit dieser Reihe bieten. Eine Münchner Geschichte, wohlgemerkt. Wortmann weiß von einem guten Dutzend Clubs zu erzählen, in denen der Jazz München zum Swingen brachte. Und er bringt im Gasteig die Crème der hiesigen Jazzszene zusammen: Joe Kienemann brilliert am Piano, Ecco Meineke alias Ecco di Lorenzo erinnert mit seinem Jazz-Quartett an den großen Nat King Cole, und Trompeter Claus Reichstaller lässt zusammen mit Altstar Dusko Goykovich im U.M.P.A. Jazz Ensemble die jungen Wilden der Hochschule für Musik von der Leine. Das Wine And Roses Swing Orchestra wird verstärkt durch die atemberaubende Stimme der Wahl-Münchnerin Titilayo Adedokun und hat neben dem Goodman-Konzert auch Stücke von Louis Armstrong, Fats Waller, Duke Ellington, Cole Porter und Louis Prima im Programm.

26 Mitwirkende in vier Ensembles, vereint in einem schönen Konzertsaal – das mache den Reiz dieser Veranstaltung aus, sagt Ullrich: „Im Jazz zählt der Individualismus. Jeder hat seine Sprache, seinen Charakter und kann damit beim Publikum Emotionen auslösen.“

München swingt am Donnerstag um 20 Uhr im Gasteig, Carl-Orff-Saal; Karten 089/ 54 81 81 81 und an der Abendkasse.

Von Peter T. Schmidt

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