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Klaus Lemkes Liebesbrief an München

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus Klaus Lemkes Film „Champagner für die Augen - Gift für den Rest“
Sie leben den entspannten Traum der Blumenkinder: Rolf Zacher (1941-2018) und Sylvie Winter in „Liebe, so schön wie Liebe“ (1971), der zu Beginn von Klaus Lemkes Schaffen in den Siebzigern stand. © KLF/BR

Klaus Lemke hat einen Liebesbrief an das München der Siebzigerjahre gedreht. Nun zeigt der BR „Champagner für die Augen – Gift für den Rest“ als TV-Premiere.

Es ist eine Abschiedsszene, wie es viele gibt im Kino. Und doch erzählt dieser kleine Ausschnitt aus „Sylvie“ von 1973 auch ein paar Dinge über Klaus Lemkes neuen Film: „Kommst du wieder?“ wird das junge Münchner Fotomodell Sylvie da von Paul gefragt, dem Taxler, der sie gerade zum Flughafen gefahren hat. „Nein“, sagt sie – dreht sich um und geht. Nicht nur Sylvie verschwindet aus Pauls Leben; auch die Siebzigerjahre, das Gefühl, die Atmosphäre, der Stil jener Dekade sind längst perdu. Doch Lemke, Regisseur, Legende des deutschen Films, Münchner Straßen-Cowboy und selbst ernannter „Bad Boy“ des Kinos, erinnert nun daran: berührend, melancholisch und im rechten Moment auch wunderbar komisch.

Szene aus Klaus Lemkes „Champagner für die Augen - Gift für den Rest“
„Allein Cleo zuzuhören machte einen besseren Regisseur aus mir“, erinnert sich Klaus Lemke an die Arbeit mit Cleo Kretschmer. © KLF/BR

„Champagner für die Augen – Gift für den Rest“ heißt der neue Dokumentarfilm des 81-Jährigen, den der BR in seiner Mediathek zeigt sowie am Mittwoch, 6. Juli 2022, von 22.45 Uhr an. „Eine Revue der Siebzigerjahre in München anhand meiner Filme“, sagt Lemke über die Produktion, die gerade beim Münchner Filmfest Kino-Premiere gefeiert hat.

Klaus Lemke: Wichtige Filme in den Siebzigerjahren

Die Siebziger waren für den Regisseur ein wichtiges Jahrzehnt. Seinen Durchbruch feierte Lemke 1967 mit seinem Debüt „48 Stunden bis Acapulco“. Von 1971 entstanden dann all jene Arbeiten, die seinen späteren Ruf als Kult-Regisseur etablierten: „Liebe, so schön wie Liebe“, das bis heute umwerfend starke Hamburger Kiez-Drama „Rocker“, „Sylvie“, „Paul“. Mit Cleo Kretschmer und Wolfgang Fierek begründete er das Genre der Münchner Milieu-Komödien – das Trio realisierte etwa „Idole“, den Grimmepreis gab’s für „Amore“, es folgten „Ein komischer Heiliger“ und „Arabische Nächte“.

„Champagner für die Augen – Gift für den Rest“ ist Lemkes Siebzigerjahre-Revue

Aus diesem reichen Archiv schöpft Lemke nun bei „Champagner für die Augen – Gift für den Rest“. Die Idee ist so simpel wie überzeugend: Der Regisseur hat prägende Szenen aus den Produktionen zu einem neuen großen Ganzen zusammengeschnitten. Dazwischen taucht der Filmemacher immer wieder selbst vor der Kamera auf, fasst zusammen, erläutert, kommentiert – und erinnert sich.

Richard Burton und Klaus Lemke trinken bei der Bambi-Gala

Daran etwa, wie sich Richard Burton (1925-1984) während einer Bambi-Verleihung in Geiselgasteig immer wieder gebückt habe – nicht etwa, um sein Schuhbandel zu richten, sondern um möglichst unbemerkt einen Schluck vom Hochprozentigen hinter der Stuhllehne des Vordermanns nehmen zu können. Schließlich lud der Brite dann Lemke ein, es ihm gleichzutun.

Szene aus Klaus Lemkes „Champagner für die Augen - Gift für den Rest“
Er wendet sich immer wieder direkt an sein Publikum: Klaus Lemke in seinem neuen Film „Champagner für die Augen – Gift für den Rest“. © KLF/BR

Der Dokumentarfilm verweilt jedoch nicht in München – wichtige Szenen für „Sylvie“ entstanden etwa in New York. Unvergessen sind die Helikopteraufnahmen rund ums World Trade Center, auf dessen Dach die Titelfigur ein Shooting hat: Diese Szenen durfte der Münchner 1973 zwei Wochen vor der offiziellen Eröffnung der Twin Towers drehen. Denn die Foto-Aufnahmen damals waren echt – Lemkes Hauptdarstellerin Sylvie Winter posierte hier für eine Bilderstrecke, die im US-Magazin „Brides“ erschienen ist.

Lemke: „Jailbreak aus der digitalen Narkose“

Einen „Jailbreak aus der digitalen Narkose“ nennt Lemke seine aktuelle Arbeit. Und genau in solchen Momenten wird klar, was mit diesem „Ausbruch“ gemeint ist. „Champagner für die Augen“ berichtet eben auch von einer Zeit, als Filmemachen noch (vor allem) Handarbeit war – und eben kein Computerjob. „Wir dachten damals alle, das Leben würde uns aus der Hand fressen. Immer“, sagt Klaus Lemke an einer Stelle. „Doch dann wurden wir in den Achtzigern selbst zum Futter.“ Das aber ist eine ganz andere Geschichte.

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