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Christian Thielemann.

München verlängert Vertrag mit Chefdirigenten nicht

München - Die Stadt München hat den Vertrag mit dem Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, Christian Thielemann, über 2011 hinaus nicht verlängert.

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Ein Scherbenhaufen. Und dass die Entscheidung zur High-Noon-Zeit, also gegen Mittag fiel, hätte kein Drehbuchschreiber besser hinbekommen. Die Stadt München hat am Mittwoch einen Schlussstrich unter die Ära Christian Thielemann gezogen und sucht ab sofort einen neuen Chefdirigenten für die Münchner Philharmoniker. Nur ein einziges Mitglied des Stadtrats begehrte in nichtöffentlicher Sitzung gegen die Beschlussvorlage des Kulturreferats auf, Thielemanns Vertrag über 2011 hinaus nicht zu verlängern: Es war CSU-Rätin Ursula Sabathil. Alles hatte sich auf diese Sitzung zugespitzt. Dass allerdings die Stadt Thielemann kalt entlässt und seine dann siebenjährige Amtszeit von sich aus beendet, war eine große Überraschung.

Allgemein war erwartet worden, der Rat beschließt den Verlängerungsvertrag – mit jener Klausel, die Thielemann bislang nicht akzeptieren mochte. Knackpunkt blieb bis zum Schluss das Letztentscheidungsrecht in künstlerischen Fragen. Welcher Gast was dirigiert, darüber wollte Thielemann mit dem Orchester und unter Umgehung von Philharmoniker-Intendant Paul Müller befinden. Eine für die Stadt untragbare Situation, die Müller halten und nicht ins Abseits manövrieren lassen wollte. Spätestens seit dem Wochenende hatte sich abgezeichnet, dass die Ära Thielemann mit der Saison 2010/11 beendet werden würde.

Im persönlichen Gespräch hatte der Chefdirigent betont, wie wichtig ihm dieses Letztentscheidungsrecht ist und dass er dieses nur nutzen wolle, um das Orchester zu prägen. Wer sich mit Thielemann unterhielt, bekam allerdings auch den Eindruck, er wolle unbedingt in München bleiben. Ein Dissens mit dem Orchester, so der Star, gebe es nicht. Er sah sich vielmehr einer Intrige ausgesetzt, die ihn aus München vertreiben wollte. „Ich hatte den Eindruck, es ging um Grundsätze, die keiner aufgeben wollte“, sagte Kulturreferent Hans-Georg Küppers gegenüber unserer Zeitung. Die Stadt habe Thielemann mit der Vertragsklausel eine „goldene Brücke“ gebaut. Die lautet wörtlich: „Gastdirigenten, Programme und Solisten sollen in Abstimmung mit dem GMD vom Intendanten festgelegt werden. Die letzte Verantwortung soll nach Anhörung des Orchestervorstandes beim Intendanten liegen.“

Thielemanns Gegenvorschlag, strittige Fragen nur mit dem Orchester zu klären, ist laut Küppers dagegen „nicht durchsetzbar“. Schließlich sei auch Intendant Paul Müller zugesichert worden, dass auch er das Orchester prägen könne. Im Stadtrat, auch das beweist die erdrückende Mehrheit gegen Thielemann, war der Geduldsfaden längst gerissen. Selbst Befürworter des Dirigenten hatten sich in den letzten Tagen ernüchtert bis frustriert geäußert. Offenbar wollte man die komplizierte Situatione endlich vom Tisch haben – anstatt das direkte Gespräch mit dem Dirigenten zu suchen, der sich gerade in Bayreuth für Wagners „Ring“ rüstet.

Man wundere sich, so hieß es in der SPD-Fraktion, dass Thielemann nicht zur Unterschrift bereit war. Scließlich sei ihm eingeräumt worden, statt 30 nurmehr 25 Pflichtkonzerte in München zu dirigieren. „Dann darf er das Übrigen nicht auch noch blockieren.“ Während aus dem Stadtrat also ein vielstimmiges „Wir konnten nicht anders“ tönt, herrscht auf Philharmoniker-Seite Bestürzung bis Entsetzen. „Das Orchester ist überfahren worden“, sagte ein Ensemblemitglied, das ungenannt bleiben möchte – was im übrigen dokumentiert, welche Ängste mittlerweile gegenüber der Stadt vorherrschen, vom Kulturreferat womöglich sogar provoziert werden. „Hier wird doch manipuliert, was das Zeug hält. Es ging der Stadt überhaupt nicht um die Sache, sondern nur darum, ein gefügiges, billiges Orchester und einen ebenso angepassten und günstigen Chefdirigenten zu bekommen.“

Der Kulturreferent gibt sich unterdessen in Sachen Zukunftsplanung gelassen. „Wechsel von Intendanten und Dirigenten sind nichts Ungewöhnliches“, sagte Küppers. „Wir suchen zusammen mit dem Orchester eine Dirigentin oder einen Dirigenten, die oder der das Orchester auch führen kann. Es muss kein junger oder mittelalter sein, es soll ein guter sein, mit dem dieses Orchester gut zusammenarbeiten kann.“

Was Küppers hilft: Auf dem „Mark“ tummeln sich derzeit eine Reihe von Dirigenten, die man nach München holen könnte. Darunter etwa Kirill Petrenko oder Jungstars wie Andris Nelsons, Schüler von Mariss Jansons. Letzterer stünde für das Modell, am Pult der Philharmoniker kein Schwergewicht der Szene, sondern einen Künstler vor dem Senkrechtstart zu installieren. Immer wieder wird in diesen Tagen geargwöhnt, die Ehe mit Thielemann sei mit vollster Absicht seitens der Stadt in die Brüche gegangen. Auch aus dem Grund, weil vielleicht schon ein Nachfolger in den Startlöchern steht.

Ob also Intendant Paul Müller dank seiner guten Szenekenntnis schon einen Nachfolger im Hut habe, den er nun herauszaubern kann? Kulturreferent Küppers wehrt ab: „Den Hut habe hier ich auf. Das ist heute kein leichter Tag für mich.“ Mit einem Ansinnen dürfte Küppers allerdings scheitern. Er möchte Thielemann anbieten, über 2011 hinaus hier als Gastdirigent. „Das ist ein Zeichen von uns, dass wir ihn künstlerisch eben sehr schätzen.“

Wer sich freilich die Planung der Münchner Phiharmoniker anschaut, weiß, dass dies auch ein fast hilfloser Versuch ist, die internationalen Verpflichtungen des Orchesters mit Thielemann aufrechtzuerhalten. Allen voran das Engagement in Baden-Baden, wo ab 2012, also nach Thielemanns Vertragsende, in vier Jahren Wagners „Ring des Nibelungen“ gestemmt werden soll. Mit DVD-Produktion und inklusive dementsprechendem medialen Aufsehen. Wie zu hören ist, hat sich bereits der Baden-Badener Intendant aufgeregt bei Thielemann gemeldet. Mit welchem Orchester den nun der „Ring“ produziert werden solle, fragte Andreas Mölich-Zebhauser panisch an. Was wiederum bedeutet und den Stadtvertretern zu denken geben müsste: International sind Münchens Philharmoniker nicht wegen ihres guten Namens gefragt – sondern wegen ihres Chefdirigenten Christian Thielemann.

von Markus Thiel und Gabriele Luster

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