+
Christian Thielemann.

München verlängert Vertrag mit Chefdirigenten nicht

München - Die Stadt München hat den Vertrag mit dem Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, Christian Thielemann, über 2011 hinaus nicht verlängert.

Stardirigent Christian Thielemann ist in München mit seiner Machtprobe endgültig gescheitert: Die Stadt lehnte es am Mittwoch ab, seinen Vertrag über 2011 hinaus zu verlängern. Zuvor hatte der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker nach Darstellung des Kulturreferats einen angebotenen Vertragsentwurf mit weitreichenden Zugeständnissen als ungenügend abgelehnt. Daraufhin entschied die Stadt, kein weiteres Angebot mehr zu machen. Thielemann selber äußerte sich bislang nicht öffentlich, er probt bei den Bayreuther Festspielen, die an diesem Samstag beginnen.

Trotz bereits längerer Querelen um Thielemanns Forderungen nach noch mehr Mitbestimmung hatte eigentlich kaum jemand in München mit dem Bruch gerechnet. "Das ist eine endgültige Entscheidung des Stadtrates. Unser Angebot war ein sehr gutes, bei dem wir schon an die verantwortbare Schmerzgrenze gegangen sind", sagte Kulturreferent Hans-Georg Küppers am Mittwoch nach der entscheidenden Sitzung des Stadtrates. Noch vor Monaten hatte es ausgesehen, als ob die Vertragsverlängerung nur eine reine Formsache sein würde. Noch weiter habe man Thielemann einfach nicht entgegenkommen können, meinte Küppers.

Knackpunkt waren die Gastdirigenten des weltberühmten Orchesters der bayerischen Landeshauptstadt. Medien hatten berichtet, Thielemann habe selber über das Programm seiner Kollegen bestimmen wollen. Laut Küppers hatte Thielemann zuletzt aber nur noch gefordert, das Orchester solle das letzte Wort bei der Programmauswahl haben. Der Vertrag hingegen habe vorgesehen, dass Intendant und Chefdirigent gemeinsam entscheiden, im Zweifel aber der Intendant Vorrang hat. Mehr an Zugeständnissen könne man aber einem Intendanten nicht abverlangen, sagte Küppers.

Der 50 Jahre alte Thielemann gilt als einer der weltweit erfolgreichsten Dirigenten seiner Generation - aber eben auch als Diva, in künstlerischen Fragen kompromisslos und machtbewusst. Und so geht er auch nicht zum ersten Mal im Streit. Im Mai 2004 war er als Chefdirigent der Deutschen Oper Berlin überraschend zurückgetreten, weil der Berliner Kultursenat seiner Forderung nach einer Erhöhung des Orchesteretats um 1,6 Millionen Euro nicht nachgekommen war. Auch an seinem vorherigen Arbeitsplatz als Generalmusikdirektor an der Nürnberger Oper soll es Zoff gegeben haben.

Seit 2004 ist Thielemann Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Es gibt eine eigene Abo-Reihe nur für ihn. Parallel baute er sein Engagement bei den Bayreuther Festspielen immer weiter aus. Dort ist er seit fast einem Jahrzehnt einer der wichtigsten Dirigenten. Er debütierte im Jahr 2000 mit "Die Meistersinger von Nürnberg", dirigierte ein Jahr später den "Parsifal" und danach den "Tannhäuser". Seit 2006 hat er die musikalische Leitung in der aktuellen "Ring"-Inszenierung. Es ist ein Drama, bei dem fast nichts fehlt: Umjubelte Konzerte, schwärmende Kritiker, die wichtigsten Orchester der Welt reißen sich um Thielemann.

Und dann die Schattenseiten: Kritik an seiner angeblichen Vorliebe für romantischen Konservativismus, für Beethoven, Bruckner und Wagner. Zu alledem gilt er auch noch als perfektionistisch und streitlustig. Bereits am Dienstag hatten Medien berichtet, Thielemann wolle den ihm angebotenen Vertrag nicht unterschreiben. Allerdings war da noch die Rede davon gewesen, dass die Verhandlungen hinter den Kulissen weitergehen. Am Mittwoch wollten sich die Münchner Philharmoniker nicht äußern.

In der Isarmetropole allerdings wurde schon überlegt, wie es jetzt weitergeht. Es gebe genug Dirigenten, die die Nachfolge bei den auf Anton Bruckner spezialisierten Philharmonikern antreten könnten, meinte Küppers. Spekulationen, wohin es Thielemann zieht, gibt es seit Wochen. Gemutmaßt wurde, dass er die Stelle des scheidenden Chefs der Dresdner Semperoper, Fabio Luisi, übernehmen wolle. Luisi wechselt 2012 zum Opernhaus Zürich. Bei den Bayreuther Festspielen ist Thielemann in den kommenden Jahren bereits fest eingeplant. So soll er den neuen "Holländer" 2012 und die Inszenierung von "Tristan und Isolde" 2015 dirigieren. Die Festspielchefinnen Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner hatten in ihrem Bewerbungskonzept geschrieben, sie wollten Thielemann als Berater gewinnen. Bis 2011 allerdings müssen der streitbare Thielemann und die Stadt München aber wohl oder übel noch miteinander auskommen.

von Britta Gürke

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare