U2 in München: Die wahren Helden sind nicht Rockstars

München - Die irische Band U2 hat das Münchner Olympiastadion  gerockt – und sich dabei volksnäher gezeigt, als ihre futuristische Bühne hätte vermuten lassen. Die Konzertkritik:

Das Letzte, was man von Bono erwarten würde, ist Undankbarkeit. Und prompt wendet sich der U2-Sänger nach 20 Minuten Konzert an die 75.000 Fans im Olympiastadion: Als Rockstar werde man ja schnell zum Helden verklärt. Die Ärzte und Krankenschwestern in Großhadern aber – auch FC-Bayern-Doc Müller-Wohlfahrt – die seien die wahren Helden. „Ohne sie stünde ich heute nicht vor euch.“

U2 rocken München: Das Konzert in Bildern

Mit heftigem Bandscheibenvorfall hatte man Bono im Mai nach München geflogen und notoperiert. Alles ist damals gut gegangen – das zumindest demonstriert der Start des Abends: U2 beginnen ganz untypisch bei hellem Flutlicht. Das irische Quartett betritt die futuristische Raumschiff-Bühne vor der Nordkurve, Bono trennt sich von den Kollegen und wandert auf dem kreisrunden Steg, der aussieht wie der Rand eines Zifferblattes, nach vorne - er tänzelt, boxt, geht in die Knie: Seht her, soll das heißen, mir geht’s gut. Dann geht das Licht aus und die bunten Lichter gehen an. Die Obertöne aus The Edges Gitarre flimmern, Adam Claytons Bass und Larry Mullens Schlagwerk setzen ein, Bono singt vom „Beautiful Day“.

Das U2-Universum ist angeknipst – und wieder mal das modernste vom modernen: Als Bühnenüberbau umgreifen vier lindgrün verkleidete Spinnenbeine das Zifferblatt. Wo sie sich treffen, senkrecht über der Mitte, bohrt sich ein Dorn blinkend in den Nachhimmel. Ihn umgibt eine kreisrunde Leinwand. Alles ist also – passend zum „360°-Tour“-Motto – von allen Seiten aus einsehbar, sehr transparent. Und trotzdem wirken U2 wie unter einer Käseglocke, sehr distanziert.

Echte Action spielt sich nur auf den animierten LED-Waben der Leinwand ab – denn so spritzig, dass er auf dem Steg im Kreis rennen könnte, ist Bono dann eben doch nicht. Das muss er auch nicht, es sind die kleinen Gesten, die begeistern: „Scheiß’ auf den Regen“, muntert Bono sein Publikum auf, und das fühlt sich gleich ein wenig trockener.

Die Stimmung ist bombig, bei alten Klopfern wie „Mysterious Ways“, bei „Vertigo“, wo das blinkende Raumschiff abzuheben droht, und beim neuen Disko-Pomp „I’ll Go Crazy If I Don’t Go Crazy Tonight“.

Gleich darauf aber, nach „Sunday Bloody Sunday“, wird’s wieder ernst, denn Bono ist eben nicht nur Hallodri, sondern auch Friedenspolitiker. Er lässt Lampionträger aufmarschieren, um die Menge an die in Birma unter Hausarrest stehende Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi zu erinnern, die Leinwand prangt mit Slogans wie eine Reklametafel. Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu flimmert auch vorbei und verkündet die Botschaft, dass wir doch alle eins sind – der Auftakt für den Song „One“, der die Band zurück zur Kernaufgabe führt: Hymnen und Gänsehaut.

Bono trägt jetzt eine rot leuchtende Laser-Jacke und schaukelt ("ich bin wieder fit") wie ein Kind an einer Mischung aus Anker und Mikrofon, die von oben herunterbaumelt. Er bedankt sich für die schönen Jahre, die er in Deutschland verbringen durfte, und fast klingt’s wie ein Abschied für immer. Dann singt er „With Or Without You“ und „Moment Of Surrender“ über die 150 000 erhobenen Hände hinweg. Als er zeigt, dass unter seiner teuren Jacke ein Schweinsteiger-Trikot versteckt ist und er auch noch den Sieg des FC Bayern über Rom drüben in der Allianz Arena mitteilt, kennt der Jubel keine Grenzen. Bono weiß halt genau, was einen Münchner Helden ausmacht.

Johannes Löhr

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