Biennale: Theater als Nebensache

München - Mit „L’Absence“ von Sarah Nemtsov ist die 13. Münchener Musiktheater-Biennale eröffnet worden. Wobei Theater: Die tragische Liebesgeschichte schimmert nur andeutungsweise durch. Noch ist diese Biennale also steigerungsfähig.

Viele Zutaten wären im Angebot gewesen. Vor allem die entscheidende, ohne die Oper (das haben die vergangenen 400 Jahre gezeigt) kaum lebensfähig ist: Wo zwei zueinander gehören und sich doch nicht finden, da wirken sogleich die Naturgesetze des Dramas. Das denkt man sich jedenfalls so.

„Holocaust-Stück“, damit wäre das Werk von Sarah Nemtsov zu schnell abgestempelt. Beim „Buch der Fragen“ von Edmond Jabès (1912 bis 1991) hat sich die Deutsche bedient, ein kryptischer Text zwischen Lovestory und Religionsdiskurs. Yukel macht sich darin auf die Suche nach Sarah, die – anders als ihre Eltern – das KZ überlebte. Als er sie findet, hat er sie dennoch verloren: eine tödlich verwundete Seele, eine schwer Traumatisierte, sich, ihm und der Welt abhandengekommen.

Stringente Handlung, so etwas ist bei Biennale-Intendant Peter Ruzicka zum „Geht-gar-nicht“ geworden. Und würde, zugegeben, bei diesem Stoff auch zur Psycho-Plakativität führen. Wahre Spielwiese von Sarah Nemtsov ist das Orchester. Und auf eine eigentümliche Weise wurzelt ihre Musik dabei in der Tradition. Nicht nur, weil Thora-Psalmodieren durchscheint. Auch weil sie mit dem „Chor der Rabbiner“ (etwas zu direkt) an Strauss’ Juden-Kakophonie aus der „Salome“ anknüpft. Und weil sie ihrer Heldin ein großes Solo gönnt (von Tehila Nini Goldstein mit lyrischer Wohlklang-Rundung auch in Extremlagen gesungen), das zum Urenkel des Belcanto-Wahnsinns wird.

Elektronisches kommt außerdem nicht vor. Und wenn verfremdet wird, dann ist das Handarbeit: Die famosen Mitglieder des Bundesjugendorchesters entlocken ihren Blasinstrumenten dann tonlose Luftzüge oder rascheln mit Papier – sie und ihr umsichtig steuernder Chef Rüdiger Bohn sind die Stars des Abends. Harsche, scharf profilierte Gebärden und Entwicklungslinien durchziehen diese Partitur, eine poröse, immer wieder aufbrechende Oberflächenstruktur, in der Generalpausen nicht Trennungen schaffen, sondern das Geschehen einfrieren. Expressiv, nach außen gerichtet sind die Gesten dieser Musik. Oft auch, trotz kleinteiliger Aufgeregtheit, in großen Bögen gedacht. Und sich manchmal in Ein-Ton-Umkreisungen beruhigend.

Eine Oper aber, in der das Orchester mit seiner wetterleuchtenden Neugier auf Klang-Erfindungen abräumt, hat ein Problem. Nicht nur, weil sich die Solisten kaum durchsetzen können. Sondern auch, weil damit das Theater zur Nebensache wird. Immerhin: Sarah Nemtsov sucht den Kontakt zum Publikum. Über zwei Vermittlerfiguren, einen „Leser“, vor allem einen Erzähler (souverän: Altus Bernhard Landauer), der à la Bach-Evangelist ins Geschehen eingreift. Doch irgendwann kippt die Aufführung unter der Textlast. Die theologischen Spitzfindigkeiten der Rabbiner werden wichtiger als Sarahs Aufspaltungen in eine Tänzerin und Sängerin, wichtiger auch als die Klagen Yukels (den Assaf Levitin mit gedecktem Bariton und genau dosiertem Krafteinsatz gestaltet).

Jasmin Solfagharis Regie leistet dabei kaum Erhellungsarbeit. Immerhin gibt es schöne Bilder dank der Leuchtstoffrahmen-Bühne von Etienne Pluss. Eine Konstruktion auf spiegelndem Parkett mit hohem Schauwert, schnell wandelbar und die Trennung von Sarah und Yukel verdeutlichend. Leider aber gibt es oft eine szenische Aufgeregtheit, die – im Gegensatz zur Musik – ins Leere läuft. Ein anderer Rahmen also für „L’Absence“, eine andere Inszenierung für Sarah Nemtsovs Zweistünder als Rezept? Schwer vorstellbar, zumal die erste Uraufführung dieser Biennale womöglich etwas ganz anderes ist: keine Musiktheater-Erkundung, sondern ein Ideen-Steinbruch, ein hochkreatives Klang-Angebot – auf der Suche nach einem fester gefügten Opus für den Konzertsaal.

Weitere Aufführung an diesem Sonntag, 20 Uhr, in der Muffathalle, Telefon 0180/ 54 81 81 81.

Markus Thiel

Rubriklistenbild: © dpa

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