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Wer sagt, dass es immer nur klassische Instrumente sein müssen? Münchner Schüler proben für die Biennale-Uraufführung "AndersArtig".

Biennale: "Verrückt sein ist schwer"

München - Festspiele ausschließlich für neues Musiktheater, so etwas bleibt weltweit einmalig. Am Donnerstag startet die 13. Ausgabe der Münchener Biennale. Dieses Mal öffnet sich das Festival den Münchner Schülern.

Es ist ein Experiment. Und es ist nicht typisch für die Münchener Biennale. 100 Fünft- und Sechstklässler verfassten in den vergangenen acht Monaten eigenständig einen Text, komponierten dazu die Musik und schrieben das Libretto. Am Samstag, 12. Mai, um 18 Uhr steht die Uraufführung ihres einstündigen Stücks „AndersArtig“ in den Münchner Kammerspielen an. Doch davor heißt es üben, üben – und irgendwie auf Knopfdruck die Schulzwänge vergessen.

Schauplatz Backsteinturnhalle der Hauptschule an der Walliser Straße in München: Zum gefühlt hundertsten Mal gehen die Buben und Mädchen zwischen zwei Fußballtoren und unter den obligatorischen Ringen, die von der Decke herabbaumeln, die Massenszene durch. Insgesamt 100 Kinder der Hauptschule sowie des Heinrich-Heine-Gymnasiums (Max-Reinhardt-Weg) drehen und verbeugen sich, zücken den noch nicht vorhandenen Hut passend zum gesprochenen Singsang „Das ist sehr freundlich, wie reizend, vielen Dank und auf Wiedersehen“. Dazwischen tröten andere in orangefarbene Plastikschläuche, ihre Nachbarn versuchen sich, trotz Choreographie die Ohren zuzuhalten.

Alles wirkt chaotisch, es ist laut, gar schrill. Doch unter dem hier versammelten „Volk“ müssen die „Dämonen“ die Tonangeber sein. Schließlich wollen sie ihre Welt, in der Schimpfen und Fluchen zur Realität geworden ist, keinesfalls kampflos aufgeben. Doch genau darum geht es. Ums Loslassen, ums Sich-fallen-Lassen. Nicht nur im Stück, auch für die Schüler selbst. Weg von schulischen Zwängen, weg von der schulischen Disziplin. Hin zur Kreativität, zur Unbefangenheit. „Aber verrückt sein ist selbst für Kinder schwer. Unsere hier jedenfalls waren anfangs alle sehr vorsichtig“, sagt Christian Mattick von der preisgekrönten Künstlergruppe „Musik zum Anfassen“. Die Musik-, Regie-, Schreib- und Komponisten-Profis helfen den Schülern als sogenannte „Expeditionsleiter“ durch dieses Musiktheater.

Etliche Tränchen sind seit Beginn der Probenzeit im Oktober gekullert. Manche Schüler dürfen auf Geheiß der Eltern nicht fluchen – und jetzt sollen sie genau das. Ihre besten Freunde anschreien, beschimpfen, niedermachen. Durch diese Radikalität lernen sie, anderen Respekt zu zollen. Sie sehen wie wichtig und vor allem schön eben diese Rücksichtnahme im täglichen Umgang sein kann. „Je älter die Schüler sind, desto mehr scheuen sie sich“, sagt Mattick. „Die Scham setzt ein. Aber das ist ganz natürlich.“

Riva Al-Asaadi kennt das alles noch nicht. Die Zwölfjährige mit Häkelstirnband, Bettelarmband und Rosenring fungiert im Biennale-Stück als eines von fünf Bindegliedern zwischen der freundlichen, friedensbringenden Dame (bei den Proben diesmal nicht anwesend) und dem „Volk“. Als einzige des Quintetts hat sie einen längeren Gesangspart. Daheim, zwischen Küche und Kinderzimmer, habe sie sich die Melodie einfallen lassen, erzählt Riva Al-Asaadi. Den Text erdachten sich die Klassenkameraden auf ähnlich entspannte Art und Weise. In der geprobten Szene muss sie nun nicht nur die Masse „Volk“, sondern auch die „Dämonen“ übertrumpfen. Ein bisserl kindlich-brüchig klingt ihre Stimme, aber voller Leidenschaft. Es macht ihr sichtlich Spaß, aus sich herauszugehen.

Die Generalprobe vor 120 Zuschauern im Deutschen Museum verlief „eigentlich ganz gut“, sagt sie hinterher. „Aber ich war etwas zu schnell. Und ich muss die Übergänge noch mehr herausarbeiten.“ Aber das sei kein Problem. „Ich singe ja eh ständig vor mich hin, bis zur Premiere schaff ich das schon.“ Davor steht noch eine Französisch-Schulaufgabe an. In jeder kleinen Unterbrechung diskutiert Riva Al-Asaadi daher mit ihrer Nachbarin über Grammatik und Vokabeln. Die Realität lässt also keinen der Jugendlichen los. Eine Klasse kam heute zu spät zu den dreistündigen Proben, eine Deutsch-Ex war unaufschiebbar. „Gerade die Gymnasiallehrer sind an einen straffen Lehrplan gebunden“, sagt Christian Mattick. „In der Hauptschule dagegen gibt es pro Klasse nur einen Lehrer. Er kann flexibler reagieren.“ Das hilft Riva Al-Asaadi wenig. Nach der Probe heißt es rein in die U-Bahn, der „normale“ Schulalltag im Heinrich-Heine-Gymnasium wartet. Doch auf der Fahrt ans andere Ende der Stadt summt sie noch mal ganz entspannt ihre Melodie.

Aufführungen:Am 12. und 13. Mai, 18 Uhr, in der Spielhalle der Münchner Kammerspiele.

Angelika Mayr

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