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Musik wird Licht wird Raum: Die Energie des „White Circle“ ist nicht darstellbar, kann aber im Kunstbau erlebt werden. 

Das Lenbachhaus präsentiert die Sound- und Licht-Installation „White Circle“

Münchens Kunstbau wird zum Elektro-Club

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Raster-Noton war ein wichtiges Label für die Entwicklung der elektronischen Musik und der Club-Kultur. Der „White Circle“, eine begehbare Klang- und Licht-Skulptur von Raster-Noton, ist jetzt im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses zu erleben. Es lohnt sich! 

Nehmen wir zum Beispiel eine Komposition wie Frank Bretschneiders „Circle in the Round“. Etwas mehr als acht Minuten dauert das Stück, das sich sacht anschleicht. Gegen Ende schwillt die elektronische Klangwolke plötzlich mit schier unglaublicher Wucht an, scheint zu bersten – und brandet gleich einer Impuls-Welle aus Funkeln und Flirren über die Menschen.

Wer just in diesem Moment innerhalb des „White Circle“ steht, weiß zwar, dass er mit den Ohren hört und mit den Augen sieht. Doch fühlt es sich tatsächlich so an, als sei der ganze Körper Trommelfell und Netzhaut: Jede Pore nimmt Klang und Licht auf – unmittelbar, heftig.

Der „White Circle“ entstand 2016 in Karlsruhe

Was für ein Erlebnis. Im Kunstbau des Lenbachhauses ist für zwei Monate die begehbare Licht- und Sound-Installation „White Circle“ aufgebaut. Sie entstand 2016 anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Labels Raster-Noton, dessen Verdienste um die elektronische Musik und die Club-Kultur enorm sind. Die technischen Daten des Werks sind rasch erklärt: 96 Leuchtstoffröhren sind vertikal zu einem Kreis von etwa zehn Metern Durchmesser angeordnet. Im – bis auf Notlichter und Eingangsbereich – abgedunkelten Kunstbau sind 47 Lautsprecher verteilt, die so aufeinander abgestimmt sind, dass der Klang zur plastischen Erfahrung wird. Das weiße Licht reagiert auf die musikalischen Impulse der fünf eigens für den „White Circle“ komponierten Stücke, die alle experimentell und natürlich elektronisch sind.

„Sound-Art“ gehört seit dem 20. Jahrhundert zur bildenden Kunst

„Sound-Skulptur“ nennt Kuratorin Eva Huttenlauch diese Installation, die in direktem Kontakt steht mit dem Sammlungsschwerpunkt des Lenbachhauses, denn zum „Blauen Reiter“ zählten auch Komponisten wie Arnold Schönberg. Fragen der Synästhesie beschäftigten gerade die Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Wie lässt sich das, was man sieht, in Klänge umsetzen? Und wie das, was man hört, in Farben? Kandinsky etwa schuf Farbsymphonien und suchte in seiner Bühnenkomposition „Der gelbe Klang“ nach der Synthese von Musik, Farbe und Bewegung. Zudem wurden mit der Klassischen Moderne Klänge, Töne und Geräusche als „Sound-Art“ Teil der bildenden Kunst.

Der „White Circle“ hebt diese Entwicklungen nicht nur auf eine hohe technisch-ästhetische Perfektionsstufe, sondern erzählt auch von der Entwicklung elektronischer Musik und ihrer Präsentationsform. Das sei schließlich Aufgabe von Museen: Zu zeigen, „welche Kulturproduktionen unserer Gesellschaft für das stehen, was wir sind“, wie Matthias Mühling, Direktor des Lenbachhauses, erklärt. Doch selbst, wer mit elektronischer Musik nichts anzufangen weiß, wird sich der Energie des „White Circle“ kaum entziehen können.

Informationen zur Ausstellung:

Der „White Circle“ steht von 10. Mai bis 8. Juli 2018 im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses. Die Öffnungszeiten sind von Dienstag bis Sonntag jeweils 13 bis 20 Uhr. Die fünf Kompositionen laufen in dieser Zeit im Loop; ein Durchgang dauert etwa 45 Minuten. 

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