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„Ganz normale Typen“ stellt Regisseurin Jovana Reisinger ins Zentrum ihrer Filme.

Regisseurin Jovana Reisinger lädt zum 24-Stunden-Non-Stop-Kino

Münchens Kunstverein wird zum Bahnhofskino

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An diesem Wochenende lebt im Münchner Kunstverein die Zeit der alten Bahnhofskinos wieder auf. Jovana Reisinger zeigt an der Galeriestraße 4 ihre vier Filme „Pretty Boyz don‘t die“, „Pretty Girls don’t lie“, „Mad Girls don’t cry“ sowie „Sad Boyz get high“.

Jovana Reisinger, 1989 in München geboren, richtet ihre Reihe als  „Non-Stop-Kino“ ein: von Samstag, 19 Uhr, bis Sonntag, 19 Uhr. Spannend werde für sie, wer zu welcher Uhrzeit kommt, um die Filme anzuschauen, sagt die Künstlerin, die im vergangenen Jahr mit ihrem Debütroman „Still halten“ (Verbrecher Verlag) reüssierte, in unserem Gespräch.

Kino ist für die meisten Menschen: Popcorn, Cola, Werbung – und dann zwei Stunden Film. Was erwartet das Publikum beim „Non-Stop-Kino“?

Jovana Reisinger: Im Kunstverein erwartet die Zuschauer tatsächlich Cola, Popcorn und ein etwa 100- minütiges Programm. Nur auf die Werbung habe ich verzichtet. Vielleicht kommt die beim „Non-Stop-Kino 2“. Ansonsten werden einige Überraschungen passieren.

Zum Beispiel?

Reisinger: Es gibt einen Künstlerkatalog zur Ausstellung – aber wie packt man vier Filme in einen gedruckten Katalog? Wir haben außerdem einen roten Teppich, eine Party, lauter so hübsche kleine Details.

War das für Sie von Beginn an die ideale Präsentationsform für Ihren Mehrteiler?

Reisinger: Tatsächlich habe ich die Filmreihe konzipiert, nachdem ich mich mit den früheren Bahnhofslichtspielen und den dort gezeigten Trash-Filmen auseinandergesetzt habe. Ich wollte billig und schnell eine Filmreihe produzieren und arbeitete daher sehr früh mit dem Kunstverein zusammen. So, wie sie jetzt ausgestellt wird, ist es der perfekte Rahmen für die „Quadrologie“.

Können die Zuschauer jederzeit kommen und gehen – oder gilt, wer um 19 Uhr am Samstag da ist, sollte bis Sonntag, 19 Uhr, bleiben?

Reisinger: Das Prinzip ist tatsächlich wie früher am Bahnhof: Man kann zu jeder Zeit ins Kino hinein und hinaus. Das Programm an sich dauert rund 100 Minuten und wird im Loop gezeigt.

Wie hält man als Regisseurin die Aufmerksamkeit des Publikums über eine so lange Zeit hoch?

Reisinger: Da das kein 24-stündiges Filmprogramm ist, sondern das Publikum hoffentlich ständig wechselt, muss ich das gar nicht. Dann zählen nur die 100 Minuten Film, und das Drumherum ist Bonus. Am schönsten finde ich zu sehen, welche Leute zu welcher Uhrzeit kommen. Kommt überhaupt jemand um 5.30 Uhr morgens? Kommen manche öfter? Nach dem Ausgehen oder wie zur Matinee am Sonntagvormittag?

Die Figuren in Ihren Filmen sind Grenzgänger oder gefangen in Grenzsituationen. Was interessiert Sie daran?

Reisinger: Die Hauptfiguren sind ein Model, ein Starlet, ein Showgirl und drei Drogendealer. Alle wollen irgendwas, irgend etwas anderes als das, was sie haben. Sie wollen raus hier, ein bisschen Spaß haben. Dabei sind sie ganz normale Typen, voll mit Zweifeln, Hoffnungen, Sehnsucht und Konflikten, die sie zu lösen haben. Ich erzähle gern von solchen Menschen, sie liegen mir nahe. Alle Filme haben übrigens einen Münchenbezug. Ich arbeite mich an der Stadt ab.

Was reizt Sie an der Ausdrucksform Film – im Gegensatz etwa zur Literatur?

Reisinger: In der Literatur kann ich wahnsinnig viel im Inneren der Figuren ausmachen. Die Gedanken meiner Protagonistin in „Still halten“ sind schwer in einen Film zu übertragen, ohne cheesy, also billig zu wirken. Sie machen aber das Buch intensiv und sind für die Geschichte, die ich erzähle, absolut notwendig. Bei diesen vier Filmen geht es ganz stark um Bildsprache, Ästhetik, Style und um Sprache an sich. Diese Dialoge müssen gesprochen werden.

Spielt das Gemeinschaftserlebnis im Kino – im Unterschied zur Lektüre eines Buchs – für Sie eine Rolle?

Reisinger: Ja. Die Stimmung des Publikums kann die Stimmung des Films kippen. Das ist so toll – und manchmal für mich als Regisseurin unerträglich.

Mit „Still halten“ haben Sie im vergangenen Jahr für Furore gesorgt. Hat Sie der Erfolg überrascht?

Reisinger: Es ist mein Debütroman, ich habe gehofft, gebangt und mir trotzdem nicht vorstellen können, wie es laufen wird. Jetzt freue ich mich sehr auf den zweiten. Ich habe also Blut geleckt.

Was erhoffen Sie sich von „Non-Stop-Kino“ – für sich und für die Zuschauer?

Reisinger: Ich hoffe, dass die Zuschauer mit den Protagonisten hoffen, streiten, sie lieben oder hassen werden. Dass das Konzept eines Non-Stop-Kinos aufgeht, und wir das öfter machen können. Dass wir uns alle gut unterhalten fühlen: bloß keine mittelmäßige Kunst.

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