„DIE FRAU OHNE SCHATTEN“ EINST UND JETZT

Münchens legendäre Färberin

München - Vor 50 Jahren sang sie zur Wiedereröffnung des Münchner Nationaltheaters die Hauptrolle: Ein Gespräch mit Inge Borkh:

Natürlich wird sie zur Premiere von Richard Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“ am 21. November nach München kommen. Schließlich war Inge Borkh exakt 50 Jahre zuvor die Sängerin der Titelrolle – bei der Wiedereröffnung des Nationaltheaters. Es ist nicht einfach, sie in ihrer Stuttgarter Wohnung zu treffen. Hier ein Konzert, dort eine Premiere: Inge Borkh ist reisewütig. Vor dem Gespräch im Seniorenheim, wo sie seit 30 Jahren wohnt, lässt sie es sich nicht nehmen, den Besucher am Empfang abzuholen und in die Wohnung zu geleiten. Die ist gepflastert und behängt mit Andenken an eine große Karriere. Zwei Stöcke verraten ein Alter, dass man dieser charmanten, hellwachen, mit blitzender Intelligenz formulierenden Frau nicht glaubt: 92 – da hat jemand wohl 20 Jahre zu viel berechnet.

War diese legendäre „Frau ohne Schatten“ ein Höhepunkt Ihrer Karriere?

Regisseur und Intendant Rudolf Hartmann hat sich ja anfangs in meiner Stimme getäuscht und sie für lyrischer gehalten. Insofern war es eine große Genugtuung und ein großes Erlebnis für mich, dass ich diese Vorstellung singen durfte. Wie er das inszeniert hat, fand ich absolut überzeugend. Gerade im Vergleich zu den Inszenierungen, die ich jetzt so sehe. Christof Loys Salzburger „Frau ohne Schatten“ von 2011 konnte ich in keinster Weise akzeptieren. Der Vorteil des Alters ist ja, dass ich das sagen darf, was ich meine. Ich muss niemandem mehr schmeicheln.

Wie war die Aufbruchstimmung im wieder aufgebauten Haus? War das so etwas wie das endgültige Ende der Kriegszeit?

Ich hatte das Glück, dass ich den Krieg mit seinen Bomben nicht erleben musste. Mein Vater war Jude, wir sind in die Schweiz gegangen. Später habe ich die „Elektra“ in Dresden aufgenommen habe. Und ich musste sehen, dass alles in dieser wunderschönen Stadt in Trümmern war. Ich brachte am Anfang im Studio keinen Ton heraus. Insofern habe ich den Krieg mit seinen Nachwehen anders als viele Kollegen mitbekommen.

Sie haben sich extrem mit Ihren Rollen identifiziert. Welche Verbindung gab es zur Färberin in der „Frau ohne Schatten“?

Mein Mann sagte oft Sachen wie: „Aha, jetzt lebst Du ein Stück Salome im Alltag.“ Man kann die Rollen nicht so leicht abstreifen. Gut, bei Lady Macbeth sollte man das tun. (Lacht.) Die Färberin verstehe ich sehr gut. Ich hatte selbst Schwierigkeiten mit dem Thema Kind. Die Färberin könnte so wirken, als sei sie eine Bissgurkn. Das ist sie nicht! Sie ist eine unglückliche, unverstandene Frau und wird von Zauberkünsten verführt. Im Leben gibt es das auch, dass einer sagt: „Du bist für was Besseres geeignet, du musst weg und alles zurücklassen.“ Man muss an diesen Rollen gar nicht viel herumgeheimnissen. Sie treffen auch auf unsere Zeit zu.

Und warum verlässt die Färberin nicht einfach ihren Mann Barak?

Weil sie ihn liebt! Verlassen, das ist immer die schlimmste Lösung. Dann hat man doch einen Großteil seines Lebens umsonst gelebt. Man muss um Beziehungen auch kämpfen.

Sind Sie immer mit einem durchdachten, fertigen Rollenporträt zu den Proben gekommen?

Aber ja. Ich habe mal einen Meisterkurs gehalten, da war eine Amerikanerin, die wollte Arabella mit mir arbeiten. Sie kam auf die Bühne: „Was soll ich tun?“ Darauf ich: „Ja haben Sie sich keine Gedanken darüber gemacht, wenn diese Frau auf einmal den Mann ihres Lebens trifft?!“ Arm nach oben oder nach rechts, das kann es doch nicht sein!

Haben sich Sänger früher also mehr Gedanken gemacht?

Das ist ein generelles Problem. Ich frage mich auch oft, was es manche Regisseure treibt, eine Oper zu inszenieren. Manche sind stolz darauf, das Werk nicht zu kennen und dann angeblich neu befragen zu können. Wenn die Glück haben, kommen sie mit g’scheiten Sängern zusammen... Die sind tatsächlich heute besser vorbereitet als zu unserer Zeit. Früher konnte man dumm mit schöner Stimme sein.

Hatten es Regisseure schwer mit Ihnen, wenn Sie schon „fertig“ ankamen?

Ich fand es schrecklich, wenn Sänger zum Regisseur sagten: „Ich bin hier immer von der rechten Seite gekommen.“ Wie beim Doktor, wenn der Patient meint: „Ich habe in der Illustrierten gelesen, dieses Mittel ist toll.“ Dann ist der Arzt doch gleich bös’.

Richard Strauss war im „Dritten Reich“ unter anderem Präsident der Reichsmusikkammer. Werfen Sie ihm etwas vor?

Nein! Ich würde nie einem Menschen einen Vorwurf machen, wie er sich in seiner Zeit und seiner Situation verhalten hat. Strauss wollte Künstler sein. Und Künstler waren eben oft nicht mit dem Mut ausgestattet zu erklären: „Ich trete nicht auf, weil Hitler ein Teufel ist.“ Ich habe Hochachtung vor Toscanini, der so gehandelt hat. Aber ich klage nicht die anderen an. Ich bin nicht so wie Rolf Hochhuth.

Sie waren für München gesperrt nach einem Streit mit Hans Knappertsbusch...

...ein Missverständnis. Wenn ich gewusst hätte, dass unanständige Ausdrücke sein Alltagsvokabular sind, hätte ich mich nicht so gewehrt. Ich bin damals ausgeglitten, er behauptete gleich, ich sei besoffen. Ich bin weg und erklärte, dass ich mit einem solchen Mann nicht zusammenarbeiten kann. Gottlob hat sich die Oper Frankfurt meiner erbarmt. Als Joseph Keilberth Generalmusikdirektor in München wurde, durfte ich wieder zurückkommen.

Und was war er für ein Mensch?

Na, das war ein Mensch! Außerdem hat er bei Strauss so herrlich dirigiert, dass man auf den Wogen der Musik singen konnte und nicht von ihnen überwältigt wurde.

Verführt Strauss’ Musik zum Unkontrollierten?

Gerade in den Proben zur „Frau ohne Schatten“ ist mir passiert, dass ich vor Rührung über den Barak von Dietrich Fischer-Dieskau nicht mehr weitersingen konnte. Jeder Künstler muss aber lernen, dass er auf der Basis echter Gefühle Kunst macht. Emotion darf nie das Können verdrängen. Gründgens hat gesagt: „Nach der größten Rolle muss ich fühlen können, dass meine Achselhöhlen trocken sind.“

Edita Gruberova sagt, ohne Singen bräuchte sie einen Psychiater.

So weit würde ich nicht gehen. Bühne ist ein zweites Leben, aber eben überhöht in der Kunst. Ich kenne viele junge Sängerinnen, die wunderschöne Stimmen haben, diese aber nicht richtig einsetzen können, weil sie private Schwierigkeiten haben. Aber Singen kann nicht der Tröster sein, da muss man sich schon einen anderen Trost suchen.

Ist diese Haltung der Grund dafür, dass Sie relativ früh aufhören und sofort als Zuhörerin wieder in die Oper gehen konnten?

Absolut! Ich sagte mir immer: „Du wärst doch undankbar Deinem Leben gegenüber, wenn du dich weiter nach der Bühne dort oben sehnst!“ Als ich merkte, dass ich wegen technischer Problemen nicht mehr die auf der Bühne sein konnte, die ich wollte, habe ich aufgehört. Nach einer „Elektra“ in Palermo war das.

Aber es hätte Partien gegeben, die Sie hätten singen könen.

Aber ja. Die kamen allerdings nicht! Die Küsterin in Janá(c)eks „Jenufa“ zum Beispiel.

Haben Sie sich ein solche strikte Haltung von Anfang an vorgenommen?

Es hat mir immer wehgetan, wenn ich Sänger hörte, die nachließen. Das wollte ich unter keinen Umständen erleben. Was ich wirklich tragisch finde: Ich habe vor ein paar Jahren eine Augenkrankheit bekommen und kann nicht mehr richtig lesen. Ich würde gerng meine geistige Ernte ein wenig einbringen wollen, und zwar schreibend. Das gelingt mir nun nicht mehr...

Aber eine unermüdlich Reisende sind Sie noch.

Und das bleibe ich hoffentlich! Wenn ich eine Kritik über eine interessante Operninszenierung im Radio höre, dann muss ich hin.

Und dann äußern Sie Ihre Kritik darüber.

Das tu’ ich, manchmal auch lautstark. Ich buhe nicht, sondern rufe hinein: „So nicht!“ Da kriege ich noch Töne heraus wie als Elektra.

Beneiden Sie heutige Sängerinnen? Oder sind sie froh, dass Sie zu Ihrer Zeit Karriere gemacht haben.

Neid, nein. Ich freu’ mich an schönen Stimmen. Und daran, dass die Sängerinnen darauf schau’n, dass sie schöne Frauen bleiben. Schrecklich, dass manche Tag und Nacht Spaghetti futtern und sich sagen: „Dafür habe ich eine schöne Stimme.“ Das akzeptiere ich absolut nicht. Ich habe mal eine Elektra gesehen, die hat das Beil schon am Anfang in der Hand gehabt, damit sie sich darauf stützen konnte. Furchtbar!

Hören Sie eigentlich Ihre Stimme gern?

Während der Karriere nicht. Jetzt, als alte Frau ist das schon interessant, das zu hören, was man als Mädel so gemacht hat. Es ist vom Schöpfer nicht gut eingerichtet, dass man die Karriere nicht recht spürt. Man erlebt etwas Tolles, genießt aber nicht, dass man auf der Höhe seines Könnens ist. Vielleicht weil man sich dauernd verbessern will. Man hört den Mangel – und nicht, wie prachtvoll alles andere ist. Und darüber vergisst man glatt die Gegenwart.

Hat der Glaube während der Karriere über viele Unbill hinweggeholfen?

Ich war immer der Überzeugung: Singen ist ein Gnadengeschenk. Sicher, meine Großmutter war eine gute Sängerin, auch meine Mutter, da kann man vieles auf die Genetik schieben. Aber was ist Singen? Der Atem zum Ton gemacht. Das kann man irgendwie lernen. Aber woher kommt der Atem...?

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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