Münchens Nachkriegs-Bohème

- Das ist eine Altmünchner Geschichte, die da mit Fotos und Zeitungsartikeln, Gemälden und Skizzenblättern im Valentin-Karlstadt-Musäum (im Isartor) erzählt wird: "Traumstadt Schwabing". Den Ausflug in das München nach dem Zweiten Weltkrieg, das äußerlich ganz sicher keine Traumstadt war, macht der Besucher an der Hand von Maler und Galerist Oswald Malura. Er wäre im Oktober 100 Jahre alt geworden.

Als junger Mann kam er aus Schlesien nach Bayern, schlug sich unter anderem als Lüftlmaler in Tegernsee durch, bevor er an der Münchner Kunstakademie angenommen wurde. In der Schau sieht man denn auch ordentliche Akademiearbeiten, neben Karikaturversuchen oder einem neusachlichen Selbstporträt das an Georg Schrimpfs "Oskar Maria Graf" erinnert. Leichter und heller wurde Maluras Farbpalette durch einen dreijährigen Aufenthalt im Indien der 1930er-Jahre. Später lockerte das Impressionistische weiter auf, bis es fast "informel" wurde, und versuchte sie auch an ungegenständlichen Farbuntersuchungen.

Nachdem Malura und seine Frau Friedl den Krieg überlebt hatten, war nicht nur der Aufbauwille unbändig, sondern unbändig war auch die Freude, überlebt zu haben. Kunst war Lebensmittel, saugte Freunde an und gab Anlass für Feste. Schon ab 1946 trafen sich bei den Maluras Künstler aller "Gattungen". Und gut zehn Jahre später wagte es die Galerie, die frechen Kerle von der Gruppe Spur auszustellen (zurzeit präsentiert die Villa Stuck eine Schau darüber). Die Nachkriegs-Bohème knüpfte an das legendäre Wahnmoching an, das vor dem Ersten Weltkrieg aufgeblüht war, und gehörte wohl auch ein bisschen zum Humus für die Studentenrevolte. Sie ging von Schwabing schon Anfang der 60er-Jahre aus.

Im Isartor verschwindet das optisch, denn die Fotos von Anno dazumal wirken heute eher betulich. Das Spinöse, das bisweilen Subversive der "Traumstadt"-Bürger erschließt sich ein wenig im "Traumstadt"-Gemälde Oswald Maluras sowie in den beachtlichen Gästelisten der "Bürgerversammlungen" (bis 1977).

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