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Mariusz Kwiecien (37) stammt aus Krakau und ist am Samstag in seiner ersten Münchner Neuproduktion zu erleben.

Münchens neuer Don Giovanni: Mariusz Kwiecien

Eine klassische Höllenfahrt, so verrät Mariusz Kwiecien, wird es nicht geben. Eher eine Art Herzinfarkt des Titelhelden. Doch was genau bei Don Giovannis Tod passiert, ist erst ab kommenden Samstag klar.

Da hat Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Premiere im Münchner Nationaltheater. Generalmusikdirektor Kent Nagano dirigiert. Regie führt Stephan Kimmig, dem durch seine Inszenierungen unter anderem von „Mamma Medea“ und „Glaube Liebe Hoffnung“ an den Münchner Kammerspielen ein exzellenter Ruf vorauseilt und der nun in der Welt der Oper debütiert. Als Titelheld ist der gebürtige Krakauer Mariusz Kwiecien (37) zu erleben. Seine künstlerische Heimat ist die New Yorker Met, der „Don Giovanni“ ist seine erste Münchner Neuproduktion.

-Wenn Sie die Arbeit an der Met mit der an der Bayerischen Staatsoper vergleichen: Wo liegen die größten Unterschiede?

Die Met ist mein bevorzugtes Opernhaus. Ich mag es, wie dort gearbeitet wird und wie mit Sängern umgegangen wird. Der größte Unterschied ist: In Europa wird sechs Wochen lang geprobt. Wissen Sie: Don Giovanni ist meine Visitenkarte. Ich habe ihn so oft gemacht, da bräuchte ich nur fünf Tage. Oder meinetwegen bei Neuproduktionen zwei Wochen. Hier probieren wir allerdings etwas aus, das ich noch nie gemacht habe.

-Das wäre?

Stephan Kimmig hat keine Opern-Erfahrung. Das ist wunderbar! Weil er mit frischen, brillanten Ideen ohne Routine gekommen ist. Nicht alle waren gut fürs Stück. Aber wir haben viel geredet, gelacht und Spaß daran gehabt, neue Wege zu finden. Ich brauche so etwas. Schließlich sind das hier inklusive Vorstellungen drei Monate meines Lebens, da will ich Spaß haben.

-Ist Ihnen Don Giovanni eigentlich sympathisch?

Anfangs fand ich, dass er ein junger, schöner, liebenswerter Mann voller Energie ist. Mit jeder Produktion hat sich meine Meinung ein Stück weit geändert. Er muss sicherlich einen gewissen Charme und Sex-Appeal haben, aber auch Unabhängigkeit ausstrahlen. Er ist nicht glücklich mit seinem Leben. Er kann Frauen haben, so viel er will, und essen, was er möchte. Aber er sucht etwas anderes. Ein Hollywood-Typ eben. Und auch wenn Los Angeles so heißt: Das ist keine Stadt der Engel. Sondern dreckig, giftig, gefährlich und schön.

-Sie sagten einmal: „Wenn ich Don Giovanni spiele, muss ich die üblen Dinge in mir entdecken.“ Lassen Sie uns über die sprechen...

Gern! Aber die hat doch jeder. Das heißt ja nicht, dass ich Leute im Wald umbringe. Wir haben Wünsche, die wir nicht nach außen zeigen können oder wollen. Etwa wenn ein langsamer Autofahrer vor mir ist und ich dem am liebsten ins Heck krachen möchten. Solche Dinge muss ich finden. Etwas, das farbiger ist als mein zur Schau getragenes Ich. Und je mehr ich Giovanni spiele, desto mehr dieser Dinge finde ich. Liebe ich wirklich – oder denke ich das nur? Solche Gedanken machen die Rolle transparent.

-Edita Gruberova meinte sogar, Singen sei wie ein Besuch beim Psychiater.

Das hängt von der Rolle ab. Bei komischen Opern funktioniert das wohl nicht. Aber in gewissen Partien muss man wie nackt vors Publikum treten. Manchmal ist es leichter, solche Sachen mit dem Doktor zu besprechen als vor 2000 Menschen zu zeigen.

-Steht man als international gefragter Solist irgendwann vor der Entscheidung: Singen oder leben?

Kommt darauf an. Wenn ich mir die Lebensläufe mancher Stars anschaue, dann sind ruinierte Beziehungen fast der Regelfall. Ich glaube trotzdem, dass singen und leben gleichzeitig funktioniert. Ich brauche das Leben mit meiner Familie, meinen Freunden. Ein paar Tage die Batterien aufladen, dann ist wieder Energie für die Musik da. Manchmal hasse ich die Oper, doch nach zwei Wochen Abstinenz sehne ich mich nach ihr.

-Manche scheitern an den Karriereanforderungen, wenn man etwa an Rolando Villazón denkt...

Ich habe einige Vorstellungen mit ihm gesungen, als es schon kriselte. Mir ist ein Villazón mit Problemen hundertmal lieber als viele andere Tenöre. Seine Stimme, sein Temperament, sein Künstlertum sind einzigartig. Er wird zurückkommen.

-Brauchen Sie eigentlich die Bühne?

Ja klar. Aber die habe ich nicht nur in den Opernhäusern, sondern auch im Supermarkt. Wenn ich zum Beispiel nicht die Kartoffeln kriege, die ich will und dann ein Drama daraus mache (lacht). Künstler können so was schnell inszenieren...

-Waren Sie schon als Kind so?

Da war ich eher scheu – also den Lehrern gegenüber. Bei meinen Mitschülern galt ich eher als der Clown. Ich habe dauernd gespielt, gesungen. Doch keiner dachte damals, das könnte mal zum Beruf werden.

-Und was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

Zu dieser Zeit hatten Opernsänger in Polen kaum eine Zukunft. Meine Eltern waren daher natürlich skeptisch und rieten mir: Du brauchst was zum Geldverdienen. Aber sie kannten mich ja auch und mein Sternzeichen Skorpion: Wenn er was will, dann tut er es auch. Und sie sagten: Los, breite deine Flügel aus und flieg.

-Kommen Sie regelmäßig nach Krakau zurück?

Ich habe mir gerade ein Haus in den Bergen ganz in der Nähe gekauft, bin aber US-Staatsbürger mit einem Appartment in New York. Sie sehen: Mein Herz ist in Krakau, mein Geld in den USA.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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