Ausstellung

Münchens Traum aus Seide

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München - Das Bayerische Nationalmuseum betrieb textile Detektivarbeit und zeigt „Mode aus dem Rahmen“.

Eine Sensation in 20 Einzelteilen? Ja und nein: Mit der Kostümsammlung Williams kamen 1996 besagte Seidenstücke ins Bayerische Nationalmuseum. Das Münchner Haus verfügt selbst über einen imponierenden Textilien-Schatz und das nötige Fachwissen, sowohl bei Kurator Johannes Pietsch als auch bei den Textilrestauratorinnen. Nur deswegen konnte die Sensation gelingen, die das Museum jetzt in der Kabinettausstellung „Mode aus dem Rahmen – Kostbar bestickte Kleidung des späten 18. Jahrhunderts“ präsentieren kann. Es handelt sich um ein weißes Kleid aus Atlasseide, in verschiedenen Techniken bestickt mit zarten Blumengirlanden. Das schier Unglaubliche dabei, dass es aus den 20 Teilen überhaupt rekonstruiert werden konnte.

Denn erschwerend kam bei dieser textilen Detektivarbeit hinzu, dass das Prachtgewand einst zweimal umgearbeitet worden war. Das Material war viel zu kostbar, um es nach einem Modeumschwung einfach wegzuwerfen. Mit Hilfe einer passgenauen Schneiderpuppe und einem Kleid gewissermaßen zum Üben erstand das französische Hofkleid aus der Zeit Marie Antoinettes wieder. Und da solch eine „Robe parée“ im Schnitt einer „Robe à l’Anglaise“ (1787) – also am Rücken ohne gerade nach unten laufenden Faltenteil, sondern sich eng anschmiegend – weltweit nicht mehr existiert, hat München seine Sensation. Diesen etwas entspannteren Hof-Stil hatte die Königin, die während der Französischen Revolution hingerichtet wurde, durchgesetzt.

Die Schau im Nationalmuseum prunkt zuallererst mit diesem Seiden-Traum, zu dem sich exquisit geschmückte Herren-Kleidungsstücke (Rock, Kniehose, Weste) gesellen. Das Team erzählt ergänzend dazu mit Fotos, Zeichnungen, dem Modellkleid, alten Abbildungen und einem Musterbuch für Stickerei-Angebote (reale, nicht aufgezeichnete!) von dem Abenteuer, Stoffteile in ein kompliziert geschnittenes Kleid zurückzuverwandeln – und der Arbeit der Stickereien in der Zeit des Spätbarocks. Der Besucher erfährt, dass die Stoffe in der Regel erst verziert wurden – nach Wunsch der Kundschaft, wie das Buch mit atemberaubend schönen Vorlagen beweist. Da gab es Platt-, Knötchen- oder Stielstich; da wurde die Seide an bestimmten Stellen bemalt und genau darüber Spitze gelegt; da wurden Pailletten oder Golddrähte eingestickt – selbst die Knöpfe der Westen und Herrenröcke waren bestickt. Meist finden sich Blumen – als Streublüten und Bouquets –, weiße Tauben oder sogar komplette „Gemälde“ sind ebenfalls zu entdecken.

In professionellen Stickerei-Ateliers oder Manufakturen wurden Vorlagen benutzt, die Künstler entwickelten. Eine Art von Vorzeichnung kam auf den Stoff, der in große eckige Rahmen gespannt wurde. Mit ihnen war es außerdem möglich, ausgedehnte Bahnen weiterzurollen. Sonst hätte die Stickerin die Flächen nicht bewältigen können. Die diversen Teile gingen an den Schneider, der natürlich Maß-Kleidung fertigte. So brauchte zum Beispiel ein blaublütiger Italiener für die Weste seines „Habit habillé“ schon eine mächtige Bauch-Ausbuchtung. Nur Adelige durften derart wertvolle Gewänder tragen, denn die gesellschaftliche Regelungswut brachte sogar eine Kleiderordnung hervor. Die Stände-Gesellschaft sollte zementiert werden. In der Revolution brach sie kurzzeitig zusammen. Später forcierte Napoleon den Luxus wieder: Er wollte die Textilbranche unterstützen.

Kleider machen Leute und schreiben Geschichte. „Sie sind ja schließlich dem Menschen am nächsten“, bringt es Johannes Pietsch auf den Punkt.

Simone Dattenberger

Bis Jahresende 2016,

täglich außer Mo. Di.–So. 10–17 Uhr, Do. 10–20 Uhr, Prinzregentenstraße 3; Katalogheft: 9,80 Euro.

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