"Münchner Auftakt" im Kunstverein

Tillmans-Ausstellung: - Ein Bauernjunge betrachtet skeptisch einen weiblichen Akt. Hat man die Treppe des Münchner Kunstvereins erklommen, ist das der erste Eindruck von den beiden schräg einander gegenüber hängenden Großformaten. Warum sie der Fotokünstler Wolfgang Tillmans "ein kleiner Münchner Auftakt" nennt, erkennt man auf den zweiten Blick: Das Porträt stammt vom Münchner Maler Wilhelm Leibl, der Frauenakt zitiert ein Gemälde des Leibl-Freundes Gustave Courbet, den "Ursprung der Welt".

Es ist nicht das einzige kunsthistorische Zitat in dieser Ausstellung des Remscheider Turner-Preisträgers (2000), der seit 1992 in London lebt: Im nächsten Raum lockt - zwischen den vergrößerten Strukturen eines T-Shirts oder einer Jeans - das antike Motiv des Dornausziehers; auf Tillmans‘ Schwarzweiß-Abzug trägt der junge Mann allerdings Nasenring und Adidas-Shorts. Daneben die fotografische Vergrößerung einer Renaissance-Tapisserie mit der gewebten Illusion vom Faltenwurf einer Hose. Das ist das Thema, unter dem der 1968 geborene Künstler die Schau zusammenhält: die "Beugung". "Das ist so ein ganz schönes, vielschichtiges Wort", findet Tillmans. Es gehe ihm dabei um Ideologie, Wahrnehmung, Wahrheitsdefinition, auch um wissenschaftliche Wahrnehmungen, wie die gesammelten Artikel und Fotos auf seinen "truth study center"-Tischen zeigen.

Ein weiteres großes Thema ist die "Beugung" der fotografischen Materialien: Licht und Fotopapier. Ohne Kamera, aber mit Hilfe von geheimnisvollen, selbst erfundenen Werkzeugen, experimentiert Tillmans in seiner Dunkelkammer mit Licht und Papier und fördert dabei spektakuläre Farbteppiche zutage, die er anschließend oft noch unregelmäßig biegt, knickt oder falzt. Das Video "Lights (Body)" (2002) wiederum entfaltet die sich spiegelnden Lichtreflexionen von Discokugeln.

Wolfgang Tillmans‘ Blickwinkel bleibt stets schnappschusshaft. Auch in seinen konkreten Motiven liegt eine unverbindliche Vagheit, eine fremde, weil gegenständliche Intimität: das, was Tillmans "Wahrheitsbeugung" nennt.

Bis 2. September, Di.-Fr. 12-19 Uhr, Sa., So. 11-18 Uhr, Tel. 089/ 22 11 52.

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