Münchner in Berlin

Berlin - Die Münchner Kammerspiele und das Residenztheater sind zu Gast bei der Leistungsschau wichtiger Schauspiel-Uraufführungen in Berlin.

Die besten Geschichten liefert immer noch die Bibel. Als zum Schluss der Berliner Autoren-Theatertage, dieser jährlichen Leistungsschau nennenswerter Schauspiel-Uraufführungen deutschsprachiger Häuser, „Judas“ von den Münchner Kammerspielen die Bühne des Deutschen Theaters einnimmt, wird nach diesen zwei Wochen klar: Wirklich interessieren nur die großen Stoffe. Das sind jene Texte, die die kleinlichen Beziehungskriege, diese wie nach Lehrplan konstruierten Spielszenen weit hinter sich lassen und aus dem Alten das auf immer neue Weise Gültige herauskristallisieren.

Die Autorin Lot Vekemans, die hier bereits im vergangenen Jahr mit „Gift“ stark beeindruckte, stellt auch dieses Mal wieder tiefgreifende Fragen nach Liebe, Schuld und Verantwortung. Und Steven Scharf, dem der Monolog auf den nackten Leib geschrieben zu sein scheint, setzt das in der Regie von Johan Simons höchst beeindruckend um – mit allem Selbstzweifel und Selbstbewusstsein, mit Verteidigung und Anklage, mit schauspielerischem Witz und gebotener Lebenstrauer. Am Ende starker Beifall in Berlin. Und Scharf, herabgestiegen von seiner hohen Spiel-Leiter, bedankt sich, nimmt mit einem Lächeln die Bühne des Deutschen Theaters und quasi das ganze Haus genießerisch in Besitz, als würde er bereits hierhergehören. Man munkelt auch schon, dass ein namhafter Regisseur ihn energisch in die Hauptstadt empfehle.

Eine andere Autorin, die sich ebenfalls eines alten Stoffes versichert, ist Elfriede Jelinek. Mit „Schatten (Eurydike sagt)“ verarbeitet sie gewohnt sprachmächtig das Treue-, Trauer- und Frauen-Thema der Orpheus-Legende. Matthias Hartmann setzte das an seinem Wiener Burgtheater furios in Szene: mit sieben Schauspielerinnen, einem Orpheus und einem Puppenspieler, der mit einem herrlich absurden, plappernden Jelinek-Kopf die verehrte Nobelpreisträgerin immer präsent sein lässt.

An diesen Texten müssen sich alle anderen messen lassen. Mehrheitlich kleine, kurzatmige Gebrauchsstücke, die vermutlich die Spielzeit ihrer Uraufführungen kaum überleben werden. Das Deutsche Theater selbst steuerte von Dea Loher den Beziehungsclinch „Am schwarzen See“ bei; das Konzert Theater Bern zeigte in Berlin, was bei Moritz Rinke zwei Paare einander an den Kopf knallen; Azar Mortazavi lässt zusammen mit dem Theater Osnabrück in „Ich wünsch mir eins“ die junge Laila trotz heftigstem Bühnen-Sex mit der arbeitslosen Vaterfigur George in ihren Identitätssehnsüchten unerfüllt zurück. Und so weiter und so weiter.

Münchens Kammerspiele waren noch mit einer zweiten Produktion zu Gast: keine wirkliche Uraufführung, sondern die von Thomas Schmauser verfertigte Filmadaption, das Transsexuellen-Endspiel „Du mein Tod“. Und auch das Münchner Residenztheater gab sich in Berlin die Ehre und zeigte „Call me God“. Dass dieses kleine Stück gleich von vier Autoren geschrieben wurde – Gian Maria Cervo, Marius von Mayenburg, Albert Ostermaier und Rafael Spregelburd –, ließ einen schon staunen. Zu Gunsten der Verfasser wollen wir doch annehmen, dass jeder einzelne von ihnen das dokumentarische Spiel um einen US-Serienmörder auch alleine hätte bewältigen können. Aber es geht, und das ist dem sehr effektvoll inszenierten Text leider anzumerken, vor allem um den internationalen Auftritt, das krampfhafte Schielen nach „Vernetztheit“. Das jedoch macht Theater nicht automatisch weltläufig, sondern garantiert allenfalls nur das Tingeln von einem Festival zum anderen.

Witz ist auf deutschen Bühnen seit je eine Rarität. Umso mehr sind Ewald Palmetshofer, Regisseur Stephan Kimmig und die grandiosen Wiener Burgschauspieler – darunter Barbara Petritsch, Therese Affolter, Christoph Luser, Martin Schwab und Michel König – hervorzuheben, die für das kleine, beißend satirische Generationen-Stück „räuber.schuldengenital“ auch in Berlin viel Beifall einheimsten. Desgleichen „X Freunde“ von Felicia Zeller aus Frankfurt: die auf die Spitze getriebene Umkehrung des Mann-Frau-Verhältnisses im selbstzerstörerischen Karrierekampf.

Zwei Titel dürfen hier nicht unerwähnt bleiben. Sie bildeten den Auftakt der Autoren-Theatertage, absolviert vom Schauspiel Stuttgart: Das ist einmal „3D“ von Stephan Kaluza, eine in analytischer, durchaus wirkungsvoller Weise geschriebene Missbrauchs-Tragödie. Ihr vorangestellt wurde ein Stück von 1971, „Stallerhof“ von Franz Xaver Kroetz. Und in der spannungsgeladenen Regie Stephan Kimmigs war zu erleben, dass der alte Kroetz doch immer noch der Beste unter diesen Jungen ist.

Wenn an diesem Samstag das Deutsche Theater Berlin in einer langen Nacht der Autoren drei von Jurorin Sigrid Löffler ausgewählten Debüt-Dramatikerinnen ein szenisches Forum gibt, wird sich zeigen, ob eine von ihnen das Zeug hat, dem berühmten Mann aus Bayern das Wasser zu reichen.

Vorstellungen in München:

Die Kammerspiele zeigen „Judas“ wieder am 20. Juli (Karten: 089/ 233 966 00) – sowie in der Spielzeit 2013/14. „Du mein Tod“ ist dagegen abgespielt. „Call me God“ läuft am 24. Juni und 5. Juli im Marstall (Karten: 089/ 21 85 19 40).

Sabine Dultz

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare