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Vom Studenten-Job auf den Chefsessel: 1985 hat Diana Iljine zum ersten Mal beim Münchner Filmfest gearbeitet. Heute eröffnet die neue Leiterin im Mathäser vor 1200 geladenen Gästen die 30. Ausgabe des Festivals mit der Komödie „Starbuck“.

Die Neue

München - Seit einem Jahr ist Diana Iljine die Leiterin des Münchner Filmfestes. Im Interview spricht sie über ihre Lieblingsfilme und ihren Ruf als „Mrs. Glamour“.

Am Freitagabend eröffnet die neue Leiterin Diana Iljine das 30. Münchner Filmfest. Bereits als Studentin der Kommunikationswissenschaft hat sie auf dem Festival gejobbt. Beim Gespräch kurz vor der Eröffnung wirkt die 47-Jährige mindestens so aufgeräumt wie die neu gestalteten Büroräume an der Münchner Sonnenstraße, die sich mit viel Licht, weißer Farbe und einer angenehmen Klarheit vom chaotischen WG-Charme der jüngeren Vergangenheit unterscheiden. Falls Iljine vor der Premiere nervös ist, verbirgt sie es hinter Herzlichkeit und Lachen.

Ich habe hier die aktuellen Kinocharts mit den zehn Filmen, die in der zurückliegenden Woche die meisten Zuschauer angelockt haben. Welcher Film interessiert Sie privat am meisten?

(Ohne Zögern.) „Men in Black 3“. Ich habe gehört, der soll sehr gut und sehr minimalistisch sein. Was immer das heißen mag! „Men in Black“ ist einfach ein Klassiker – da krieg ich große, gute Unterhaltung mit guten Schauspielern. Außerdem interessiert mich „Dein Weg“ sehr (ein Film über einen Vater, der mit der Asche seines verstorbenen Sohnes den Jakobsweg geht; Anm. d. Red.). Denn ich weiß, dass der Verleih dieses Filmes sehr spezielle und herausragende Produktionen herausbringt.

Was muss ein Film haben, damit Sie bereit sind, eine Kinokarte zu lösen?

Die Geschichte muss interessant sein, und ich muss wissen, dass der Film gut gemacht ist. Denn ich möchte, dass die Geschichte auf besondere Weise erzählt wird: herausragend und mit großem Handwerk. Dann gehe ich in den Film rein.

Ist es für Sie ein Unterschied, ob Sie einen Film im Kino sehen oder zuhause am Fernsehgerät?

Das macht einen Riesen-Unterschied. In einem dunklen Kinosaal findet man nochmals ganz anders zu sich und zu seinen Gefühlen: Ich sitze da ja nicht allein, sondern mit vielen anderen Menschen. Allein durch das Gemeinschaftserlebnis werde ich von einem Film ganz anders berührt, als wenn ich zuhause vor dem Fernseher sitze, zwischendrin aufstehe, einen Anruf entgegennehme oder mir etwas aus der Küche hole.

Haben Sie ein Lieblingskino in München?

(Lacht.) Ich habe verschiedene Kinos, in die ich sehr gerne gehe. Ich wohne in Schwabing, wo es sehr schöne Kinos gibt. Und natürlich habe ich unsere Filmfest-Kinos gern: vom Rio über das Filmmuseum, die neue Filmhochschule, das Gloria und das Sendlinger-Tor-Kino. Ach, ich mag viele Kinos (Lacht.).

Gerade junge Menschen schauen ja verstärkt Filme im Internet. Wie kann dieses Publikum wieder für den Kinobesuch begeistert werden?

Ich glaube, ein Filmfest eignet sich dafür wie kaum etwas anderes, denn hier hat man die unmittelbare Begegnung mit den Machern. Stellen Sie sich vor, jemand ist nicht besonders an Kunst interessiert: An dem Tag, an dem er einen Künstler im Atelier besucht und ihn bei der Arbeit mit und an seinem Werk erlebt, wird er einen anderen Zugang zur Kunst finden, eine ganz andere Nähe spüren. Es ist mir ein großes Anliegen, gerade junge Leute, die Filme aus dem Internet downloaden und anschauen, wann und wo sie wollen, ins Kino zu kriegen. Ich wünsche mir, dass wir sie dazu viel stärker ansprechen können – dazu braucht es viel Fantasie, aber hier und da auch ein bisschen Geld (Lacht.).

In der Festschrift zum 30. Jubiläum des Filmfests schreiben Sie: „Und doch sehe ich auch, dass das Ende des Analogfilms Gutes bringt.“

In meine Zeit wird das Ende der 35-Millimeter-Kopie fallen. Schon jetzt bekommen wir viele Filme digital. Das macht viele Wege einfacher, vieles preiswerter: Während früher etwa bei einem Filmfest ein ganz großes Budget auf Kopier- und Transportkosten entfallen ist, ist das heute kein Thema mehr. Zudem ermöglicht die Digitalisierung auch Menschen in den entlegensten Winkeln der Welt, Filme zu machen. Die konnten das bislang nicht, weil Film auf 35 Millimeter ein teures Medium ist. Andere würden das Ende der 35-Millimeter-Kopie als Niedergang sehen. Ich sehe es als Veränderung – und glaube, dass es auch positive Aspekte gibt.

Lassen Sie uns noch einen Blick zurück in die 30-jährige Geschichte des Münchner Filmfests werfen: Wenn das Festival eine Kinoproduktion wäre – zu welchem Genre würden Sie es zählen?

Ich würde mich wohl für das „Heldendrama“ entscheiden. Weil die Menschen, die jedes Jahr so ein Festival auf die Beine stellen – mich jetzt eingeschlossen (Lacht.) – und diejenigen, die Kultur unterstützen, obwohl das gern angefochten wird, für mich Helden sind. Das gilt auch für die Leute, die Filme machen. Denn das ist ein mühsames Geschäft, und es ist ein weiter Weg, bis ein Film ins Kino kommt oder gar zu einem Festival eingeladen wird.

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihr erstes Programm konzipiert?

Wir zeigen weniger Filme und versuchen, das Programm übersichtlicher zu machen. Wir sind in die ganze Welt ausgeschwirrt und haben die besten Filme ausgewählt. Diese spiegeln die Bandbreite des Weltkinos – aus 44 Ländern. Es ging bei der Auswahl nicht um den eigenen Geschmack, sondern wir haben darauf geachtet, dass jeder Film seine Zeit in irgendeiner Form spiegelt: etwa Themen wie den Arabischen Frühling, Armut oder Migration. Bei all dem ist uns aber weniger wichtig, woher ein Film kommt, sondern wie er gemacht wurde. Es reicht nicht, wenn eine interessante Geschichte erzählt wird, sie muss auch auf eine interessante Art rübergebracht werden.

Wenn man die Vorberichte zu Ihrem ersten Filmfest verfolgt hat, dann wurden Sie oft auf die Aussage reduziert, dass Sie „mehr Glamour, mehr Party“ im Vergleich zu Ihrem Vorgänger Andreas Ströhl wollen. Ist das eine verzerrte Wahrnehmung?

Mir ist dieses Thema durchaus wichtig, denn wir haben tolle Gäste, wir haben tolle Premieren, wir haben auch Weltpremieren. All das hat es bereits bei meinem Vorgänger gegeben. Aber ich will einfach darauf verstärkt das Scheinwerferlicht richten. Seitdem ich das gesagt habe, bin ich „Mrs. Roter Teppich“, „Mrs. Glamour“. Das ist fast ein bisschen irritierend für mich – obwohl ich der Meinung bin, dass zu einem Filmfest Glamour gehört. Aber tatsächlich stehen das Publikum und die Begegnungen der Filmemacher mit unseren Zuschauern aus München, Bayern, Deutschland und – hoffentlich auch – aus Europa absolut im Vordergrund. Das ist mir am wichtigsten.

Wann ist das Filmfest für Sie ein Erfolg?

Wenn wir viele Zuschauer hatten. Denn das ist für mich die Bestätigung, dass es den Leuten Spaß gemacht hat, dass sie viele gute Filme gefunden haben. Und wenn die Filmemacher gerne nach München zurückkommen, weil sie hier Begegnungen hatten, die sie beeindrucken und die sie nur in München erlebt haben.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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