Kein Fraktionszwang: Merkel gibt Abstimmung über Ehe für alle frei

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„Der Fantasie größere Freiräume lassen und nicht jeden Takt auf eine Aktion untersuchen“: Szene aus Karoline Grubers Inszenierung von „Semele“. Premiere ist morgen im Cuvilliéstheater.

Interview zur Premiere

"Semele"-Inszenierung: Im Niemandsland der Liebe

München - In Sachen Barock-Oper lebt München auf Diät – nach früheren kulinarischen Exzessen an der Staatsoper. Der Bann wird durchs Gärtnerplatz-Team gebrochen:

Morgen hat im Cuvilliéstheater Händels „Semele“ Premiere. Die Titelheldin und Jupiter pflegen hier eine Liaison. Sie strebt nach Unsterblichkeit, doch der wahren Gestalt des Gottes ist sie nicht gewachsen. Marco Comin dirigiert, Regie führt Karoline Gruber.

-Das Cuvilliéstheater übt eine starke Wirkung aus. Inwieweit bezieht man dies in die Regie mit ein?

In diesem Theater sitzt man anfangs drin und denkt sich: „Wahnsinn.“ Mein Bühnenbildner und ich hatten uns eigentlich nicht vorgenommen, es in die Regie einzubauen. Es gibt aber im Stück einen Moment, in dem Semele der Spiegel vorgehalten wird. Wir nützen dies nun, um „Theater auf dem Theater“ zu spielen. Ein Prospekt kommt aus dem Schnürboden, der so aussieht wie das originale Theaterportal. In dieser Arie wird Semele mit Doubles vorgeführt, wie sie zur alten Frau wird – und ihr geliebter Jupiter dabei immer jung bleibt.

-Weiß Semele, auf was sie sich einlässt und was die tödliche Konsequenz ist?

Auf den ersten Blick wirkt Semele kindisch und trotzig. Das Stück wurde für mich interessant, als mir bewusst wurde, dass sie vom Vater zur Heirat mit einem anderen gezwungen wird. Wenn man das als Ausgangssituation dieser Frau nimmt, ist die Forderung nach Unsterblichkeit gleichbedeutend mit dem Willen, nicht mehr zurückzukehren in die Welt des Vaters. Semele befreit sich. Eine andere Sache ist, wie sie mit dieser Freiheit umgehen soll. Sie ist in einer Art Niemandsland, erlebt erst ihr Glück mit Jupiter – und irgendwann kippt die Situation.

-Meint es Jupiter ernst oder ist Semele für ihn doch nur eine Episode?

Es beginnt wie eine Episode, irgendwann verliebt er sich. Und dann entsteht aus dieser Beziehung auch noch Bacchus als Kind. Das kann nur Resultat einer ganz besonderen Verbindung sein. Wenn alles mit der Verbrennung Semeles enden würde, wäre das typisch Barock. Doch dann kommt Apollo und sagt: „Durch diese Verbindung ist Großartiges entstanden.“ Er meint: „Traut euch, die Fesseln zu sprengen.“ Das ist so toll an „Semele“. Vielleicht lohnt es sich, einmal zu brennen – auch wenn man verglüht.

-Es gibt kaum spektakuläre Nummern, die Musik ist eher intim...

...das sind aufs erste Hören keine Gassenhauer. Aber ab der zweiten Probe hatten wir alle Ohrwürmer. Diese Musik biedert sich nicht an und haut nicht auf den Putz. „Where ever you walk“ von Jupiter ist eine Arie, da würde ich am liebsten ein Feuerzeug schwenken. Man muss zu dieser Musik oft gar nicht viel inszenieren. Man sollte sie ganz aus sich heraus wirken lassen.

-Wie weit kommt man überhaupt mit Psychologisieren bei der Barockmusik, die doch eigentlich nach strengen formalen Kriterien gebaut ist?

Ich habe früher sehr realistisch inszeniert, mit vielen Requisiten. Dabei habe ich mich immer unter den Druck gesetzt, auf alles eine Antwort geben zu müssen. Man lernt, dass man auch eine Frage im Raum stehen lassen kann. Bei „Semele“ bietet sich das sehr an. Andererseits kommen bei einer Barock-Oper oft Sänger und fragen: „Was mache ich während meiner Arie?“ Dadurch entsteht ein Druck. Aber wenn man dann nicht aktionistisch acht Minuten etwas erfindet, sondern sich genau überlegt „Wie verläuft der Bogen dieser Arie? Was ist das für eine Situation?“, dann macht es Spaß, Bilder zu entwickeln – auch wenn sie so nicht im Text stehen.

-Ist das Spektakeln beim Barock vorbei?

Ich habe das Gefühl, dass sich die Opernwelt ganz allgemein dahin entwickelt, der Fantasie größere Freiräume zu lassen und nicht jeden Takt auf eine Aktion zu untersuchen. Das öffnet mir Räume, das zeigt mir eine andere Ebene und spricht mich auch sinnlich mehr an.

-Und wie schafft man es, nicht dauernd „nur“ für Klassiker wie „Tosca“ oder „La bohème“ gefragt zu werden?

Mich interessieren die beiden Pole Barock und Zeitgenössisches. Wenn man mit Barock seinen ersten Achtungserfolg erringt, gilt man gleich als Spezialistin. Andererseits hatte ich damals zwei, drei Verdis inszeniert, doch da kam ich nicht so intim an die Figuren heran wie beim Barock. Gleichzeitig durfte ich einige Uraufführungen machen. Aus allen diesen Gründen rutscht man ein bisschen raus aus dem klassischen Repertoire. Aber sollte ein Haus für Verdi anfragen: bitte, gern!

-Sie haben einmal vom „Exotenbonus Frau“ gesprochen. Fühlt man sich auch missbraucht, weil man für eine angeblich „weibliche Sichtweise“ engagiert wird?

Ich hatte das damals eher positiv gemeint. Ich hatte das Glück, dass ich einmal für einen „Don Giovanni“ gefragt wurde, weil der Intendant dies von einer Frau inszeniert sehen wollte. Also sagte ich zu, weil ich diese Aufgabe reizvoll fand. Als ich begonnen habe, wurde die Opernwelt beherrscht von starken Männerfiguren wie Harry Kupfer oder Götz Friedrich. Anfangs besetzte ich eine Art Nische und habe das auch leicht forciert. Doch in den letzten 20 Jahren hat sich die Situation total verändert, einen Bonus braucht man nicht mehr.

-Beneiden Sie eigentlich Sänger darum, dass sie all das darstellen dürfen, was Ihnen vorschwebt?

Ich beneide die Fähigkeit, sich über eine Stimme auszudrücken. Eines meiner größten Erlebnisse war, als ich Vesselina Kasarova im Salzburger „Titus“ erlebt habe und merkte, wie auf einmal jemand seinen eigenen Tönen nachlauscht, dies aber im Rahmen der vorgegebenen Musik tut. Die Sängerin spaltete sich quasi. Es ist viel mehr möglich, als es manchmal scheint. Ich kann Sänger unterstützen, in solche Situationen zu kommen. Aber selbst singen...? Das würde ich auch sehr gerne.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Premiere  morgen im Cuvilliéstheater (ausverkauft); weitere Aufführungen bis 7. November, Karten unter der Telefonnummer 089/ 2185-1960.

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