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Abraham Cruzvillegas’ Spiel mit Fundstücken wie Holz, Ölfass, Zitronen oder Agavenblättern.

Ausstellung

Ausstellung: Haus der Kunst zeigt Cruzvillegas

München - Das Münchner Haus der Kunst zeigt „The Autoconstrucción Suites“ des Mexikaners Abraham Cruzvillegas. Das erwartet die Besucher.

Man kennt das ja alles – als Freund der bildenden Kunst und als Freund von Heimwerkern, Baumhausbauern und Abenteuerspielplatzgestaltern: diese Strategie, aus sozusagen nichts irgendetwas zusammenzuzimmern. Sie ist universell, zeitlos, und die Fähigkeit dazu hat wahrscheinlich der Menschheit das Überleben gesichert. Denn einen Baumarkt wird unserer Vorvorvorfahre in der Savanne nicht vorgefunden haben. Heute sichern diese konstruktive Fantasie und der Mut, sie als Laie auszuleben, vielen Menschen zum Beispiel ein Dach überm Kopf. Genau da ist Abraham Cruzvillegas’ Werkkomplex verwurzelt, den das Münchner  Haus der Kunst unter  dem Titel „The Autoconstrucción Suites“ vorstellt (Südgalerie). Übernommen hat man die Schau, die nach München zweigeteilt nach Mexiko-Stadt und Puebla geht, vom Walker Art Center, Minneapolis.

Die dortige Kuratorin Clara Kim hat ihr Konzept auf dieses Selbst-Konstruieren abgestimmt. Cruzvillegas, 1968 geboren, ist am Rande von Ciudad de México aufgewachsen. In den Armenvierteln errichtete man zusammen mit anderen sein Haus: mit bescheidenen Mitteln, mit Flexibilität, mit Solidarität. Wenn mehr Raum benötigt wurde „bastelten“ die Amateurbaumeister eben noch etwas ans Gebäude dran. Ein Informationskabinett in der Präsentation berichtet von den sozialgeografischen Gegebenheiten Mexikos (die Menschen ballen sich auf engem Raum), schildert knapp politische Konflikte und lässt die Eltern von Cruzvillegas sowie Fotos von deren Leben erzählen. Das ist berührend und beeindruckend, drängt den Künstler indes in eine politische Ecke.

Dass er diese bei seinem Schaffen mitdenkt, mitfühlt, ist offensichtlich. Seine Arbeiten beweisen jedoch eindeutig, dass er Kunst machen will. Eben keine Politkunst, mit der sich Ausstellungskuratoren aus kuschelig ausgepolsterten Zivilisationen wie Deutschland oder den USA ein gutes Gewissen und ein politisch korrektes Projekt zulegen können. Cruzvillegas muss mit dieser Umklammerung zurechtkommen, sonst wird er „bei uns“ womöglich nicht gezeigt. Die Vitalität seines Œuvres enthält freilich so viel Kraft, dass der Künstler seine eigene Selbst-Konstruktion sicherlich durchhalten wird. Das spürt der Besucher: All diese Arbeiten machen Spaß – obwohl einerseits die Technik der Assemblage wahrlich nicht neu ist und andererseits vieles einen sehr ernsten Hintergrund hat.

Da ist etwa das scheinbar nett verspielte Mobile. Aber: Bei näherem Hinsehen hängen daran viele Menschenköpfe. Das Fröhliche kippt ins Grauen: Wir werden an die Gepflogenheit erinnert, Gehenkte einfach am Galgen baumeln zu lassen. Die kleinen Häupter, die aus Dung geformt sind, beziehen sich zugleich auf Kopfjägerkulturen. Und schließlich informiert die Ausstellungsbeschriftung, dass die authentischen Vorbild-Schrumpfköpfe im Oxforder Museum zu finden sind. Damit hat Cruzvillegas auch die kolonialistische Ebene einbezogen. Grundsätzlich begrüßt der Künstler seine Gäste jedoch wirklich fröhlich – mit einem Strauß aus Wimpeln, wie man zuerst annimmt. Tatsächlich stecken in einem Flaschengestell viele lange Angelruten, an deren Spitzen bunte Kopftücher gebunden sind. Material, Handhabung und Idee – wie angle ich, ohne dauernd die Rute halten zu müssen? – sammelte der Mexikaner in Istanbul, an der Loire und in seiner Heimat. Frauen begehen dort mit Stoffen an Stangen ein Fest.

Eigenheiten verschiedener Orte und Gemeinschaften

Abraham Cruzvillegas’ „Autoconstrucción Suites“ sammeln also nicht nur Fundstücke von Holzresten über Briefe bis hin zu Agavenblättern, sonderen auch Eigenheiten verschiedener Orte und Gemeinschaften. In jenen prägen sie ja ihre Autokonstruktion, ihre Identität-Werdung aus. Der Künstler vermeidet bei seinen Skulpturen und Installationen dennoch das Festgebaute. Alles ist fragmentarisch, fragil, jederzeit wieder auflösbar, signalisiert er all jenen, die glauben, für die Ewigkeit bauen zu können. Allerdings stößt der Mexikaner in die fast-ewigen Gefilde des Konstruktivismus vor: mal ein bissl parodistisch, mit zusammengeklaubtem Zeug eine Stele formend, mal fast perfektionistisch in Eleganz.

Die Selbst-Konstruktion des Konstruktivismus ist puristisch selbstbezüglich: Das war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Revolution. Cruzvillegas’ Konstruktivismus ist aufs Leben bezogen – mit Zwiebeln, Roten Rüben, Sellerieknollen, Süßkartoffeln und Radieserl.

Zeiten der Ausstellung

Bis 25. Mai, täglich ab 10 Uhr; Prinzregentenstraße 1, Informationen: 089/211 27 113.

Von Simone Dattenberger

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