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Münchner Kammerspiele und Schauburg: Wie wollen wir leben?

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Von: Melanie Brandl

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Szene aus der Inszenierung „Pigs“ mit den Schauspielern André Benndorff und Martin Weigel von den Münchner Kammerspielen.
Schweinerei an den Kammerspielen: Szene aus „Pigs“ mit André Benndorff und Martin Weigel. © Judith Buss/Münchner Kammerspiele

„Pigs“ heißt die Gemeinschaftsproduktion von Münchner Kammerspiele und Münchner Schauburg. Der Abend dreht sich nicht nur um Schweine, sondern stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Unsere Premierenkritik:

„Wenn wir weitermachen wie bisher, dann sind wir Menschen am Arsch.“ Da hat er Recht, der Martin Weigel, Schauspieler der Münchner Kammerspiele. Klimakatastrophe, zu hoher CO2-Ausstoß ... – die Fakten kennt jeder. Weigels Kollege André Benndorff haut in dieselbe Kerbe: „Genauso wissen doch alle, dass wir weniger Fleisch essen sollten. Aber Sojabällchen auf dem Grill – echt jetzt?! Das macht doch keinen Spaß!“

Münchner Kammerspiele: Je 30 Menschen sind bei „Pigs“ im Publikum

Sie erheben gar nicht den Anspruch, Neues zu verkünden, diese Darsteller in durch rote Farbe wie blutverschmiert wirkenden Anzügen. In „Pigs“ von Regisseurin Miriam Tscholl wechseln sich die beiden von Vorstellung zu Vorstellung ab mit zwei Schauspielern der Schauburg: Gemeinsam laden sie je 30 Zuschauer ab 13 Jahren ein in ihr Rondell (Ausstattung: Bernhard Siegl), das erschreckend an Schweineställe erinnert. Jeder Besucher bekommt seine von Metallgittern begrenzte und nummerierte Box, in der er Platz nimmt, mal dem Geschehen auf der Bühne, mal dem auf seinem eigenen Monitor folgt und dazwischen gierig – wie ein Tier – zugeworfene Guttis und dahingeschmetterte Argumente auffängt. Wo genau war noch mal der Unterschied zwischen Mensch und Schwein?

30 Experten geben bei „Pigs“ Antworten

Weigel und Benndorff fragen sich genau das beim gemeinsamen Bad mit Schweinerüssel als Maske. Ihr karges Resümee: „Wir sind das einzige Tier, das sich als Schwein verkleidet in die Badewanne setzen kann, um über die Klimakatastrophe zu philosophieren.“ Und sonst? Was gibt es zu den Themen Schwein, Massentierhaltung und dem Zusammenhang von beidem mit dem Klima noch zu sagen? Diese Fragen beantworten das Publikum in Umfragen und 30 Experten – von Schweinezüchter über Politiker und Gläubige bis hin zum Künstler – verteilt auf die 30 Monitore. Die Zuschauer wechseln – dressiert wie Tiere – wiederholt die Plätze und lauschen (technisch hervorragend gelöst) je einem Fachmann kurz gebannt.

„Pigs“: Wir wollen wir handeln?

Doch das allein genügt nicht. Was zählt, ist Aktionismus: Handeln, Farbe bekennen – buchstäblich. Welche Pille schluckst du? Die rote, die noch mehr Reflexion fordert, oder die blaue, die dir als Entspannung ein PC-Spiel liefert? Jeder muss wählen – und die Entscheidung leuchtet via Bildschirm grell für alle sichtbar auf. Außerdem müssen einzelne Zuschauer Fragen aus dem „Pigs-Menü“, serviert als Speisekarte, öffentlich beantworten – und der nächsten, selbst ausgewählten Person eine weitere stellen. „Bist du ein Gewohnheitstier?“, „Ist Metzger ein ehrbarer Beruf?“ und „Was ist deine eigene Doppelmoral?“ Ja, es ist unangenehm, plötzlich selbst im Fokus zu stehen, vom Scheinwerfer geblendet, moralisch hinterfragt. Aber gerade das will Tscholl mit ihrem partizipativen Stück erreichen. Es soll wehtun, soll pieksen in unseren Wohlstandsspeck. Es kommt nämlich kein Klimakatastrophengott, dem man ein paar Opfer bringt und dann ist die Welt wieder in Ordnung. Erst wenn sich jeder an die eigene Nase packt, kann sich etwas bewegen.

Spannend, kurzweilig, an-regend, teilweise tatsächlich unbehaglich fühlte sich diese Premiere mit dem Team Kammerspiele an; für die Schauburg spielen dann Simone Oswald und Hardy Punzel. Interessant wäre nun der Vergleich mit einem Publikum, das nicht aus erwachsenen Premierengästen, sondern aus der Generation „Fridays for Future“ besteht. Sind die genau solche Schweine wie wir? (Auch das Münchner Volkstheater stellt die Frage nach dem Umgang mit der Schöpfung: Lesen Sie hier unsere Premierenkritik zur Uraufführung von „Hyper“).

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