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Münchner Klassik-Spektakel: Tatort Feldherrnhalle

München - Warum eigentlich? Bis 20.15 Uhr müssen sie von den Treppen der Feldherrnhalle verschwunden sein, so der Befehl der Fernseh-Verantwortlichen. In seiner Rede kann sich Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers darüber mit gespielter Empörung nur wundern: offenbar, damit die gleich live zugeschalteten TV-Zuschauer ihn und BR-Hörfunkchef Johannes Grotzky nicht zu Gesicht bekämen.

Dabei geben beide doch ein verrücktes Paar ab, ein öffentlich-rechtliches-kommunales Komiker-Duo, launisch und mit feinem Humor, dem man glatt die Moderation des gesamten Abends zutraut.

Mit den verbalen Auflockerungen beim Odeonsplatz-Konzert ist das ja eine vertrackte Sache. Senta Berger stand dort schon zwischen den Stein-Löwen, im vergangenen Jahr (und recht erfolgreich) Christoph Süß. Und heuer eben der Gast vom Revier - Udo Wachtveitl, „Tatort“-Kommissar und diesmal als Rezitator in Sachen Mendelssohn Bartholdy gebucht, vor allem aber als Zugpferd.

Im Gegensatz zu den Münchner Philharmonikern, die gestern mit Lang Lang bei Regen „ausverkauft“ meldeten, hingen die BR-Kollegen nämlich etwas hinterher. Immerhin: Knapp 7500 Klassikfans klemmten schließlich in den engen Plastikstuhlreihen, genossen Musik, Klima nebst unvermeidlichem Aperol Sprizz. Die Werk-Wahl daher: ein Glücksgriff. Zum lauen, fast wolkenlosen 17-Grad-Abend in Münchens schönster Klassik-Arena passt Mendelssohns „Sommernachtstraum“ perfekt. Zumal Dirigent Daniel Harding und das BR-Symphonieorchester duftigste Ohrenschmeichler zauberten. In Ouvertüre und Scherzo stiegen Klang-Schampusperlen auf. Das Notturno: ein hauchzart gewirktes Nichts. Der Hochzeitsmarsch: kein Hit auf Doppelrahmstufe, sondern von Edel-Stilisten serviert. Für die Mini-Soli hatte man tief in die Tasche gegriffen und Sopranistin Anna Prohaska mit Mezzo-Kollegin Elisabeth Kulman engagiert. Und die Zwischentexte? Stammten vom österreichischen Autor Franzobel.

Der versucht sich an einem Best-of von Shakespeares Stück, mäandert leicht wirr durch die Handlung und gestattet sich auch („schiacher Lackl“) Dialekt-Würze. Udo Wachtveitl - stets perfekt im Musik-Timing und als Arena-Mittelpunkt unerschrocken - nutzte das zum etwas selbstverliebten Staatstheatern. Und irgendwann, als Harding und dem 1A-Orchester bloß noch Stichwort-Phrasen blieben, kam mancher Open-Air-Besucher dann doch ins Grübeln: Eigentlich war man doch wegen der Musik gekommen.

Zum Beispiel wegen Janine Jansen, die vor der Pause ganz ohne Überdruck in Mendelssohns Violinkonzert alle Sentiment-Fallen umspielte. Eine sehr geschmackvolle, kluge Deutung mit schlankem, biegsamem Geigenton - da kam sogar in diesem Freiluft-Saal so etwas wie Wohnzimmer-Atmosphäre auf. Die ausgelassensten Minuten des Abends waren zu diesem Zeitpunkt schon vorüber: Wagners „Liebesverbot“-Ouvertüre, eine robuste Beschwörung des venezianischen Karnevals, steht der Feldherrnhalle, diesem Münchner Plagiat italienischer Baukunst, ausnehmend gut. Welch Fallhöhe also - ein Open-Air-Programm von der überrumpelnden Emotion bis zur allerbehutsamsten, leicht textverhagelten Poesie. Ein ungewöhnliches Experiment für einen ungewöhnlichen Ort. Verbesserungsvorschläge nimmt der BR gern entgegen.

Markus Thiel

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