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„Es muss schon strahlen im Raum“: Ralf Ludewig dirigiert seinen Münchner Knabenchor.

Neu gegründet

Münchner Knabenchor macht Tölzern Konkurrenz

München - Es bleibt spannend nach dem Chor-Krach: Mit dem Münchner Knabenchor macht Ralf Ludewig seinem Tölzer Ex-Arbeitgeber Konkurrenz.

Abtrünniger, Separatist, solche Worte mag er nicht, so würde er sich auch nicht bezeichnen. Trotzdem: Das, was die Entstehung des Münchner Knabenchors auslöste, ist ein Krach. Eigentlich war Ralf Ludewig ja als Nachfolger von Gerhard Schmidt-Gaden an der Spitze des Tölzer Knabenchors vorgesehen. Das funktionierte nur eine kurze Weile, bis der legendäre Gründer dann doch nicht mehr mit seinem Thronfolger konnte. Man trennte sich im Streit. Und Ludewig dreht seither sein eigenes Ding.

„Eigentlich war das ja nicht meine Idee“, sagt der 47-Jährige lächelnd. Als es nämlich zum Eklat mit Schmidt-Gaden kam, habe der Senior gesagt: „Soll er doch seinen eigenen Chor gründen.“ Genau das ist passiert. Es gibt schon rund 30 Mitglieder (größtenteils ehemalige Tölzer), einen Internet-Auftritt („Ein junger Chor auf höchstem Niveau“), Konzert-Engagements, Planungen für eine CD – und einen prominenten Fürsprecher. Enoch zu Guttenberg, Chef der Chorgemeinschaft Neubeuern, ist Schirmherr des Münchner Knabenchors. Das geht sogar so weit, dass er, der bei seinen Konzerten gern auf die Tölzer vertraute, diese mit entsprechender Entschädigung ausgeladen und die Konkurrenz verpflichtet hat: Beim Weihnachtsoratorium am 23. Dezember und bei der Matthäuspassion im kommenden Jahr sind Ludewigs Buben zu hören.

Ein neuer Klangkörper lässt sich freilich nicht so einfach aus dem Boden stampfen. Es gebe „potente finanzielle Gönner“, formuliert es Ralf Ludewig. Darüber hinaus wurde ein Förderverein gegründet, außerdem sollen ja die Konzerte Geld in die Kasse spülen. Eine Anfrage aus Asien ist laut Ludewig schon eingetroffen, im Übrigen sei ihm eine Sache sehr wichtig: „Ich habe keine Sponsoren von den Tölzern abgeworben!“

So viel Aufbruchstimmung der Chorleiter verbreitet, so enttäuscht ist er im Rückblick vom Knatsch, der sich im vergangenen September zugetragen hat (wir berichteten). Immerhin, so betont der Ex-Tölzer, habe er sein ehemaliges Ensemble „auf finanziell gesunde Beine gestellt“. Gespräche hätten sicherlich manche Missverständnisse ausgeräumt. Doch ob die Lösung Ralf Ludewig als Leiter und Gerhard Schmidt-Gaden als Ehren-Chef tatsächlich erfolgversprechend gewesen wäre? Dazu sind derartige Querelen zu typisch: Bis Helmuth Rilling Abschied nahm von seiner Gächinger Kantorei, waren viele Gespräche inklusive unschöner Reaktionen und Verletzungen zu verzeichnen. Und vor einiger Zeit hat sich bekanntlich der Münchner Motettenchor von Hayko Siemens getrennt – im Grunde eine Spätfolge der Staffelstabübernahme von Ensemblegründer Hans Rudolf Zöbeley. Mit nicht loslassen können hat das im ersten Fall zu tun, im zweiten mit einem nie verwundenen Bruch.

Musikalisch soll es keinen eklatanten Unterschied geben

Musikalisch, so versichert Ralf Ludewig, soll sich der Münchner Knabenchor nicht eklatant von den Tölzern unterscheiden. Auch Ludewig, selbst bei den Tölzern ausgebildet und später jahrelang einer der Stimmbildner, ist ein Verfechter des so charakteristisch offenen, offensiven Klangs: „Es muss schon strahlen im Raum.“ Von „Prägnanz“ spricht er, dennoch soll es „ein bisschen feiner“ zugehen als bei seinem früheren Ensemble. Und das kann man durchaus auch auf den Umgangston beziehen: Dass zu Gerhard Schmidt-Gaden, einem der Protagonisten der historischen Aufführungspraxis, nicht immer das Prädikat „umgänglich“ passt, ist seit vielen Jahren kein Geheimnis. Ludewig, einst der erwünschte Kronprinz, möchte im Nachhinein keine schmutzige Wäsche waschen. Von „Verbitterung“ spricht er und auch von „notwendiger Trennung“. Der zornige Blick zurück, das weiß er, bringt letztlich wenig. Notwendig ist der in die Gegenrichtung, dorthin, wo sich die Zukunft seines Münchner Knabenchors abzeichnet.

Geprobt wird zweimal die Woche in der Münchner Knöpflerstraße. Zudem erhält jedes Chormitglied Einzelunterricht. Nachwuchssorgen plagen Ludewig eigentlich nicht. Das hängt auch damit zusammen, dass der Münchner Knabenchor – anders als zum Beispiel die Konkurrenz in Windsbach oder Regensburg – nicht nach dem Internatsprinzip funktioniert. Die Buben können also ihrem „normalen“ Leben in der Schule und daheim nachgehen, für die Gesangs- und Chorstunden müssen sie sich eben die dementsprechende Zeit nehmen. Und außerdem: „München als Millionenstadt hat ein extrem großes Potenzial“, sagt Ralf Ludewig. „Wenn man die Knaben früh genug an ein Ensemble wie das unsere heranführt, dann sind sie auch begeistert – trotz eines womöglich nicht so idealen Musikunterrichts in der Schule.“

Buben ab sechs Jahren nimmt Ralf Ludewig auf, auch „fortgeschrittene Quereinsteiger“, also Neun- bis Zehnjährige können sich bewerben. Zusätzlich wird Klavier- und Orgelunterricht angeboten, dies sind allerdings keine Pflichtfächer. Der Terminkalender füllt sich schon: An diesem Samstag gibt es zum Beispiel zwei Weihnachtskonzerte im Münchner Steinway-Haus an der Landsberger Straße, für das zweite um 14 Uhr sind unter der Telefonnummer 089/ 79 07 08 48 noch Karten erhältlich. Einige Auftritte mit Adventlichem schließen sich an. Und für 2015 wurden Einladungen nach Berlin und Brixen angenommen. In Sachen Engagements ist Ralf Ludewig da ganz optimistisch: „Wenn man gut ist, wird man auch zu tun haben.“

Markus Thiel

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