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Clemens Meyer möchte beim Forum:autoren neues ausprobieren. "Wir machen keine Lesungen, wir kreieren Bühnensituationen."

Interview mit Clemens Meyer

Münchner Literaturfest: "Wir hauen auf den Tisch"

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Der Schriftsteller Clemens Meyer hat heuer für das forum:autoren, das im Rahmen des Literaturfests München stattfindet, das Programm entwickelt. Als Kurator bringt er dort Schauspiel, Literatur und Wissenschaft zusammen.

Der Kurator dieser neben der Bücherschau ausgesprochen speziellen Reihe wurde 1977 in Halle an der Saale geboren und lebt heute in Leipzig. Im Bereich der bildenden Kunst gibt er mit Uwe Karsten Günther übrigens das Duo Günther Meyer. Als Schriftsteller machte ihn gleich sein Debüt „Als wir träumten“ (2006) bekannt. Im vergangenen Jahr erschien sein Roman „Im Stein“.

„In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ ist Ihr Motto fürs forum:autoren. Wo verläuft Ihr Weg? In der Steilwand oder in der Schlucht?

Beides schließt sich nicht aus. Es gibt eben Höhlenforscher und Bergsteiger. Das sind Extreme, und die wollen wir zusammenbringen: die Unterhöhlungen und das, bei dem man eine weite Aussicht hat. Aber sich bloß nicht in den Niederungen der Ebenen verlieren! Obwohl: Die können auch was bieten.

Was wäre die „Niederung“?

Das ist ein Motto, das von Alexander Kluge entlehnt ist, das er wiederum entlehnt hat. Dabei geht’s darum, ein bisschen zu provozieren und zu sagen: Wir propagieren die radikale Moderne. Gleichzeitig soll hinterfragt werden, was das überhaupt sein möchte. Was macht Kunst aus, was steht zur Debatte? Es geht um Risiken, um Prozesse, die man anstößt, um Bühnensituationen. Die Vorbereitung bedeutet viel – durch Improvisation, durch Freiheit wird jedoch noch vieles entstehen. Okay, wir setzen uns auf die Bühne – und wenn ich Gäste habe, gibt es oft einen Punkt, an dem man nicht mehr weiß, wohin’s läuft. Das mögliche Scheitern gehört dazu. Wir wollen Wege beschreiten, von denen wir selbst nicht genau wissen, wohin sie uns bringen. Das ist Bestandteil der Literatur, der Kunst, meiner Meinung nach.

Das klingt fast so, als würde ich mit einem Theatermacher sprechen.

Die theatrale Komponente ist sicher stärker als bei den vorigen Jahren des forums:autoren. Ich habe in Leipzig viel Theater gemacht, habe dort Bühnensituationen, Gesprächsbegegnungen inszeniert, habe ein Stück geschrieben. Meine Idee war, das hier weiterzuführen. Die Künste sollen sich treffen. Wir haben ja den bildenden Künstler Jonathan Meese auch eingeladen als Schriftsteller, als Autor des Buches „Diktatur der Kunst“. Mit Cut-up-Autor Jürgen Ploog (Montage-Technik in der Literatur, Anm. d. Red.) gehe ich an Georg Büchners Stück „Dantons Tod“ ran. Dazu haben wir uns einen Historiker geholt, Thomas Kuczynski, der sich mit dem Marxismus auseinandergesetzt hat. Studenten der Falckenbergschule arbeiten mit. Das ist eine der großen Herausforderungen, die wir anpacken. Es war mir daher wichtig, Leute einzuladen, die ich schätze, mit denen ich auf der Bühne arbeiten kann. Ich nehme mich da zurück. Ich bin dort nicht der Schriftsteller Meyer, ich bin der Gastgeber Meyer. Wenn ich mit einem Meese rede, bin ich nur da, um ihn ein wenig zu kitzeln. Bei Sten Nadolny und Thomas Rosenlöcher muss ich das Gespräch ebenfalls nur anregen und kann mich dann zurücklehnen.

Ihr Programm setzt auf eine Art Gesamtkunstwerk von Literatur, Schauspiel/Performance und Musik.

Man muss sich ja vermessene Ziele setzen. Die acht Tage werden zu einem Gesamtprojekt, bei dem möglichst viel verknüpft werden soll, inklusive Geschichtswissenschaft oder Philosophie. Die Kunsthochschule München wird uns unterstützen. Gesamtkunstwerk: ja. Gleichzeitig kann jeder Abend für sich stehen. Bei aller Vermessenheit sind wir durchaus selbstironisch. Wir reden von radikaler Moderne und hauen auf den Tisch, aber wir wollen darüber auch lachen. Der Spaß soll nicht zu kurz kommen.

Und was verstehen Sie unter „radikaler Moderne“?

Dass man eingefahrene Wege verlässt. Für mich sind Prozesse, Montagen, Verbindungen, die etwas freisetzen, wichtig. Oder man sagt: Wir sind fragmentarisch; oder man nutzt die uns umgebende Realität, ohne zu selektieren. Die Kunst kann in die entlegensten Winkel vordringen. Die radikale Moderne ist auch keine, die Angst vorm Scheitern hat, die sich was traut, die sich wie ein Netz um Dinge legen kann. Aufs forum:autoren bezogen heißt das, dass wir die Gegebenheiten eines herkömmlichen Literaturfestivals verlassen: Wir machen keine Lesungen, wir kreieren Bühnensituationen. Wir probieren etwas aus. Wir sagen zum Beispiel den Studenten beim „Danton“-Projekt: Wenn ihr seht, dass wir anderen an dem Abend festgefahren sind, dann nehmt die Äxte und schlagt dazwischen – schließlich ist Revolution beziehungsweise die Zeit, als sie ihre Kinder fraß.

Sie beziehen umstrittene Künstler wie Louis-Ferdinand Céline (1894– 1961) oder Jonathan Meese mit ein.

Céline sehe ich als Künstler. Den frühen Céline muss man unterscheiden vom späten, der dem Faschismus zugetan war und antijüdische Pamphlete verfasste. Er ist menschlich sicher gescheitert. Aber „Reise ans Ende der Nacht“ ist einer unserer größten Romane der Weltliteratur, der alle wichtigen Fragen der Menschheit aufgreift. Bei Meese sehe ich’s ganz entspannt. Bei ihm ist bekannt, dass er diese Reflexe für seine Kunst benutzt. Er nimmt diese Instrumente und hält sie den Leuten als Spiegel vor. Kunst kann wehtun; solange es nicht zum Selbstzweck wird – und das ist bei ihm nicht so –, ist das etwas, was wir aushalten müssen.

Man macht so ein Programm wie das forum:autoren für eine bestimmte Stadt. Wie haben Sie erschnuppert, was für München richtig ist?

In erster Linie sehe ich’s so, dass ich’s hier genauso mache wie woanders. Allerdings habe ich eine gewisse Verbindung zu München, weil meine Agentin hier arbeitet. Deswegen komme ich seit 2006 regelmäßig her, hatte außerdem viele Veranstaltungen in der Stadt. Es ist nicht so, dass ich denke, wir müssten hier ein saturiertes Publikum wachrütteln. In München geht sehr viel! Die Sachsen fallen hier ein – aber wir wollen uns durchaus vernetzen.

Interview: Simone Dattenberger

Das Literaturfest läuft vom 19. November bis 7. Dezember; das forum:autoren beginnt am 20. und endet am 27. November. Dessen Spielorte und Treffpunkte sind die Kesselhalle, die der allgemeinen Englisch-Sucht folgend Mixed Munich Arts (MMA, Katharina-von-Bora-Straße 8) genannt wird, die Kammerspiele, das Mariandl und City-Kinos/Atelier 1. Karten gibt es unter Telefon 089/ 54 81 81 81.

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