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Eine leuchtende Birne, die eine Erdbeere ist – die Ausstellung „Christoph Niemann. Im Auge des Betrachters“ beschert einen anderen Blick auf die Dinge des Alltags.

Neue Ausstellung „Christoph Niemann. Im Auge des Betrachters“ in München

Im Literaturhaus werden wir zu Komplizen

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Das Münchner Literaturhaus widmet dem Bild-Erzähler Christoph Niemann die wunderbare Ausstellung „Im Auge des Betrachters“. Es ist die erste Werkschau des Grafikers und Illustrators in München.  

Dieser Text ist eine Warnung. Wenn Sie die neue Schau im Münchner Literaturhaus besuchen (was ausdrücklich empfohlen sei), werden Sie fortan nie wieder eine Banane essen können, ohne an die Hinterbeine eines Pferdes denken zu müssen. Ein schnöder Kamm wird Sie stets an den Kühlergrill eines Rolls Royce erinnern. Und sollten Sie künftig einen Hammer benutzen, haben Sie sofort das gestreckte Spielbein eines Fußballers im Kopf. Versprochen.

Ja, die Ausstellung „Christoph Niemann. Im Auge des Betrachters“ beschert den Besuchern einen anderen Blick auf die Dinge des Alltags. Und sie ist zugleich ein komischer, berührender, melancholischer, zweifelnder, zarter Streifzug durch das Leben und seine Absonderlichkeiten.

Das Haus am Salvatorplatz richtet dem international gefragten und gefeierten Illustrator, Grafiker und Autor die erste Werkschau in München aus. Niemann, 1970 in Waiblingen (Baden-Württemberg) geboren, ist ein Bild-Erzähler: Er spielt mit Sprache und Symbolen, reduziert und abstrahiert seine Motive – und achtet dabei doch stets auf ihre universelle Lesbarkeit. Die Betrachter seiner Werke macht er en passant zu Komplizen. Denn erst unser Blick vervollständigt seine Erzählungen und lässt poetische Miniaturen aus Strichen, Fotos, Alltagskram entstehen. „Der wahre Zauber“, sagt der Künstler, „findet nicht auf dem Papier statt, er entsteht im Kopf des Betrachters.“

Poetische Miniaturen aus Strichen, Fotos, Alltagskram.

Kuratorin Karolina Kühn und die Szenografen der Agentur unodue{münchen haben die Ausstellung als unterhaltsamen, interaktiven Rundgang durch Niemanns Schaffen inszeniert. Ob Illustrationen, Fotoarbeiten, Zeichnungen – Werkgruppen und Auftragsarbeiten sind übersichtlich vorgestellt und erläutert. Zu sehen sind natürlich seine berühmten narrativen Serien „Photodrawings“ und „Sunday Sketches“. Auch die eingangs erwähnten Beispiele sind dieser „Übung in Kreativität“ entsprungen: Niemann nimmt einen alltäglichen Gegenstand als Startpunkt für eine künstlerische Auseinandersetzung. Die Bedingung, die er sich stellt: Das fertige Bild darf nichts zu tun haben mit dem Zweck des Objekts. Das mag am Zeichentisch ein harter Kampf sein – für uns Besucher sind die Blätter ein federleichter Spaß.

Buchillustrationen – etwa zu Erich Kästners „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es“ –, aber auch Skizzenbücher, getuschte Reise-Impressionen und politische Illustrationen versammelt diese Schau. Gleich zu Beginn jedoch – und das verrät einiges über Christoph Niemann – erlaubt er dem Besucher auf einem großen Wand-Comic einen Einblick in seinen Gefühlshaushalt am Arbeitstisch. Der ist geprägt von Zweifeln: Bin ich gut genug? Ist meine Arbeit noch relevant? Was, wenn die Einfälle ausbleiben? Charmant und wahrhaftig schildert er auf den nächsten Metern, wie er sich gegen derartige Gedanken wappnet, bis zur gelassenen Erkenntnis: „Große Ideen lassen sich nicht erzwingen.“

Und plötzlich explodiert das Bild – durch ein Tablet, das die Besucher der interaktiven Schau nutzen können.

Nach seinem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie zog Niemann 1997 in die USA. Im Jahr darauf arbeitete er zum ersten Mal für den „New Yorker“. Das Literaturhaus zeigt einige seiner Titelblätter, die bei dem legendären US-Magazin traditionell für sich stehen, als eigenständiger Kommentar zu einem aktuellen Thema. Dank einer Virtual-Reality-Brille können die Besucher ausgewählte Cover auch in der Dreidimensionalität erleben, ebenso wie die für die „New York Times“ entstandene Virtual-Reality-Installation „My Trip to the DMZ“. Dieses 360˚-Skizzenbuch entstand aus Zeichnungen, die Niemann während einer Reise in die demilitarisierte Zone (DMZ) zwischen den beiden Koreas anfertigte.

Wiederum für den „New Yorker“ konzipierte der Künstler die erste sogenannte Augmented-Reality-Simulation eines Covers, die ebenfalls am Salvatorplatz zu erleben ist: Erfasst das bereitgestellte Tablet die Zeichnung einer Frau, die eine U-Bahn betritt, explodieren auf dem Bildschirm die Elemente des Titelblatts und nehmen den Betrachter mit auf eine illustrierte, rasante Fahrt durch die Stadt. „Ich brauche die Abwechslung“, erklärte Niemann einst in einem Interview. „Weniger, weil ich die Abwechslung an sich brauche, sondern weil ich denke, jede Geschichte benötigt eine bestimmte stilistische Form.“

Und wer schließlich glaubt, Kaffee sei nur zum Trinken da, obendrein sei es ärgerlich und doof, wenn er Flecken auf Tisch, Serviette oder Tuch hinterlässt, der kennt die Serie „Coffee“ von 2008 nicht. Zum Glück lässt sich auch das nun ändern.

Informationen zur Ausstellung:

Bis 3. Februar 2019, Mo.-Fr. 10-19 Uhr, Sa./So. 10-18 Uhr, Salvatorplatz 1; Telefon: 089/ 29 19 34 0.

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