Münchner Nationaltheater: Tragödie im Arbeitslicht

München - Regisseur Christof Loy und Dirigent Marc Albrecht imponieren mit Hans Werner Henzes "Bassariden".

Das Paradies ist grau oder schwarz. Und die körperliche Entgrenzung kein ekstatischer Tanz, keine unkontrollierte Hingabe an diese schwere, schöne Musik, sondern ein Fummeln an Reißverschlüssen und Knöpfen: Rock und Hose runter, damit weiße Unterwäsche Befreiung signalisiert. Folglich wird auch Pentheus nicht von entfesselten Furien zerfetzt. Eine Frauen-Phalanx nähert sich ihm bestimmten Schrittes und in strenger Choreographie. Umkreist ihn, während Agaue seelenruhig dazutritt, das Beil hebt - und das Licht erlischt.

Im Schmucklosen liegt Wahrheit, sagt diese Regie. Christof Loy hat dabei mit Kostüm- und Bühnenbildner Johannes Leiacker an der Bayerischen Staatsoper das Radikalste gewagt, aber auch das Schwerste. Eine Inszenierung scheinbar ohne alles. Jedenfalls ohne den Zierrat, der alles Theater letztlich nur verkleistert. Fleischliche Lüste und Sinnlichkeit sind verbannt: Pentheus und Dionysos begegnen sich nicht als gegensätzliche Prinzipien, sondern fast als verfeindete Parteigenossen, die nach der Diktatur streben. Eine Tragödie im Arbeitslicht: Wie entkleidet scheinen Hans Werner Henzes "Bassariden" - und befreit, auf dass sie ein gebanntes Publikum in der Premiere mit voller Wucht und Wirkung treffen können.

Wenn sich ein Theater zu Henzes Opus, das 1966 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde, durchringt, beschert es sich den Ausnahmezustand. Hören mag er den Vergleich ja nicht. Aber Henze bleibt eben doch Nachfahre von Richard Strauss, verlangt ein Orchester von "Elektra"-Format, addiert dazu einen Riesenchor und stark geforderte Solisten. Die hochkulinarische, strukturell dennoch sehr ausgetüftelte Musik beatmet Euripides' 2500 Jahre altes Drama mit Klang-Raffinesse, verführt mithin den Hörer - und manchen Regisseur.

Möglicherweise hat man die Bühne des Nationaltheaters so noch nie erlebt. Entblößt bis auf Brandmauern, Schnürboden und Beleuchterbrücken. Nur eine riesige weiße, herabfallende Stoffbahn durchzieht diese Leere. Der Chor trägt graumäusige Kleidung, Farbtupfer sind nur Agaue, Atonoe, Kadmos und dem Hauptmann gestattet.

Loy und Leiacker gelingt ein Paradox: Zu bestaunen ist größtmögliche Intimität im Riesenformat. Die Figurenführung löst sich aus dem Oratorischen, ist, bis auf den zentralen Streit zwischen Pentheus und Dionysos, im Grunde nicht real. Eher choreographisch grundiert, oft zeitlupenhaft, dabei immer bestechend ökonomisch. Die Wechselwirkung nicht nur zwischen Pentheus und Dionysos, sondern zwischen allen Beteiligten erfährt man als spannungsreiches Kräftevieleck. Das meist gestrichene Intermezzo, hier als Barock-Sketch verfremdet, erscheint da weniger als Kontrastmittel, schon eher, da kaum komisch, als verzichtbar.

Eine 150-minütige Intensität beherrscht diesen Abend, der von jedem einzelnen Choristen gestützt wird. Das Volk von Theben als Hauptakteur: Schon vor Beginn verbeugt sich Loy vor dem Chor, lässt alle Mitglieder im stummen Video vorbeiziehen, das einen ungeschützten Blick auf Gesichter und manchmal linkische Bewegungen erlaubt. Mit zunehmender Stückdauer findet sich der Staatsopernchor in diese vertrackte Partitur hinein, macht sie zu seiner ureigenen Sache und erhält für diese Ausnahmeleistung zur Recht die größte Ovation.

Wie immer bei Loy ist Regie nicht zu spüren. Charaktere und Handlungen entwickeln sich wie selbstverständlich aus diesen durchwegs grandiosen Sängern heraus. Eines jedoch ist allen gemeinsam: Jene Gefühle, die Text und Klang provozieren, groß und stark und übermenschlich, sie drängen nicht zur plakativen Geste, arbeiten vielmehr im Innern der Figuren, um sie schließlich völlig in Besitz zu nehmen.

Michael Volle, dieser phänomenale Singdarsteller, gestaltet den Pentheus mit anfangs kontrollierter Dramatik, gestattet sich sogar balsamische Augenblicke, um sich später in wütend-gespannte Expression zu steigern. Dionysos ist bei Nikolai Schukoff ein ernster, in sich gekehrter, am Ende verunsicherter Fremder, der manchmal zum Mikrofon und damit zur stärksten Waffe greift: zu einer Stimme, die Heldenkraft und Lehár-Charme auf eine faszinierende Weise verbindet.

Lustvoll führt Gabriele Schnaut, der die Agaue gut in der Stimme liegt, die Pentheus-Mutter als selbstgerechte Salonschlange vor, die später Sohn, Fassung und Zukunft verliert. Hanna Schwarz ist als Beroe eine große, bescheidene Tragödin, Sami Luttinen ein intensiver, (zu?) jugendlicher Kadmos in der Strickjacke, Eir Inderhaut (Autonoe) eine soubrettig aufgekratzte Pinkmaus und Christian Rieger ein Hauptmann, der mit Bariton-Geschmeidigkeit und gestähltem Körper gleichermaßen punktet. Reiner Goldberg gelingt dank ungebrochener Tenor-Strahlkraft und (Selbst-) Ironie eine starke Teiresias-Studie - andere würden ihn womöglich als Dionysos besetzen.

Christof Loys Konzept wird im Graben von Dirigent Marc Albrecht und einem herausragend spielenden Staatsorchester beantwortet. Denn Albrecht verliert sich nie in dieser Musik, lässt sie zwar prall und leuchtkräftig aufrauschen, doch nie überkochen. Eine souveräne Kontrolle ist in dieser Interpretation spürbar, ein imponierendes, aber eben auch freudiges Wissen um Details, Verläufe und Farbmischungen. Fast ungetrübter Jubel, der sich noch steigerte, als sich ein Lichtkegel auf die Loge mit Hans Werner Henze richtete. Ein imponierender, in manchen Momenten überwältigender Abend. Und eine Produktion, auf die das Haus lange warten musste.

Weitere Aufführungen:

22., 25., 28., 31.5. und 3. 6.

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