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Die religiösen Eiferer kommen ins „Pelzig“-Studio: Stiffelio im Rollstuhl (Olivier Trommenschlager) wird bald die Talkshow aufmischen.

Premierenkritik

Münchner Opera Incognita entdeckt Verdis "Stiffelio" neu

München - Regisseur Andreas Wiedermann hat Giuseppe Verdis vergessene Oper "Stiffelio" neu erfunden. Er schickt die Opera Incognita wieder mal auf Abwege - mitten durch die TV-Talkshow-Landschaft. Die Premierenkritik.

Dass Talkshows aus dem Ruder laufen, kommt immer mal wieder vor. Am Samstagabend geschah es in einem der Arri-Studios. In der Talkrunde „Europa oggi“ (Europa heute) stürmten die frommen Ahasverianer die Bühne, auf der ihre Anführer sich ereiferten. „Glaube und Zweifel: Die Rückkehr des christlichen Fundamentalismus“ – so nennt Regisseur Andreas Wiedermann die aktuelle Folge der Talkshow, in deren Raster er Giuseppe Verdis 1850 uraufgeführte, ursprünglich in einem protestantischen, deutschen Umfeld spielende, vergessene Oper „Stiffelio“ gegossen hat. Wiedermann schickt damit die Opera Incognita wieder mal auf Abwege.

Es beginnt äußerst heiter, wenn nämlich die schicke, wunderbar italienisch-überdrehte Talkmasterin Dorothea die Studio-Gäste zu Applaus, Gelächter oder Mitgefühl animiert und dem Publikum so die Regeln der Show beibringt, die übrigens im backsteinernen Original-Ambiente von „Pelzig hält sich“ aufgezeichnet wird. Auch im weiteren Geschehen des Ehebruch-Dramas, das Verdi nach „Macbeth“ und „Luisa Miller“, aber vor seiner Erfolgs-Trias „Rigoletto“/ „Traviata“/ „Troubadour“ komponierte, gibt es immer mal wieder was zu lachen.

So, wenn per Kassette die Verführungsszene eingespielt wird, in der Raffaele, investigativer Journalist und Talk-Gast, Lina, der Frau des Predigers Stiffelio, an die Wäsche geht. Oder wenn die bigotten Sektierer (von Bianca Schmid-Hedwig in biederste schwarz-weiße Klamotten gesteckt) ihr Kreuz-Wapperl auf alle Ledersessel kleben und die  Talkmasterin irritierte Blicke Richtung Technik wirft. Wenn Lina am Grab ihrer Mutter betet und sich dabei vor einen Clubsessel kniet, mag das als Halluzination einer Verzweifelten durchgehen. Wenn jedoch das gesamte Opernpersonal das Studio für seine Rituale mit Kerzen, Blüten und Weihwasser okkupiert, wird‘s doch ein wenig krampfig. Aber geschenkt.

Wiedermanns Idee holt den seit 165 Jahren erfolglosen „Stiffelio“ ins Heute, was er mit kurzen Film-Einspielungen von IS-Kämpfen bestätigt. Bei Verdi und seinem Librettisten Francesco Maria Piave mündet der Ehebruch, den Linas Vater Stankar vor seinem erleuchteten Schwiegersohn Stiffelio verheimlichen will, schließlich in der Duell-Situation: Stankar erschießt Raffaele. Und zuletzt vergibt Stiffelio seiner untreuen Lina, die im Herzen immer nur ihn liebte.

Vor allem mit den Ensembles, aber auch mit den Arien der Lina und des Stankar kann Verdi punkten. Da treffen Dramatik, melodische Kraft und Gefühl effektvoll aufeinander. Dirigent Ernst Bartmann hat zusammen mit Josef Irgmaier die Partitur für zehn Musiker eingerichtet. Es gelingt ihm, zumal auch solistische Akzente gesetzt werden, ein farbiges Bild zu entwerfen. Obwohl Verdi Stiffelio keine große Arie gönnt, ist die zentrale Partie eine immense Herausforderung. Vor allem für den jungen Tenor Olivier Trommenschlager, der mit Höhen und Intonation gelegentlich zu kämpfen hat. Darstellerisch gibt er dem religiösen Eiferer, den der Regisseur in den Rollstuhl setzt, überzeugendes Profil.

Anastasia Zaytseva setzt als Lina auf ihren bis in dramatische Höhen wohl gerundeten Sopran, und Torsten Petsch begreift den Stankar als Vorläufer des Père Germont. Beide dürfen sich in ihren Arien intensiv ausleben. Martin Summer tritt als verbissen-frommer Jorg mit gehaltvollem Bass in Erscheinung. Serban Constantin Cristache (Raffaele) und Elisabeth Margraf (Dorothea) runden die Ensembles stimmig ab. Dazu gesellt sich der in jeder Hinsicht aktive, kleine Chor, der bei Verdi auch in dieser krausen Dreiecksgeschichte nicht fehlen darf.

Begeisterter Applaus.

Weitere Aufführungen: am 25., 26., 28., 29. August, 19.30 Uhr, Arri-Studios, Türkenstraße 91; Karten bei MünchenTicket: Telefon (089) 54 81 81 81. 

Gabriele Luster

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