Münchner Opernfestspiele: Huldigungen für die Damen

München - Ariadne hat viele Schwestern. Jene im Schmerz, die mit ihr auf wüster Insel trauern und jede ihrer Leidensgesten (unsinnig) vervielfachen. Aber auch die eine, die schnell vergisst: Zerbinetta.

 Ihr Gegenentwurf. Wenn diese kesse Pragmatikerin predigt von den "unbegreiflichen Verwandlungen", "von der neuen verstohlenen Liebe schweifendem, frechem Gefühle", vom Gott, zu dem ihr jeder Mann wird, dann wirft sie sich an bodygebuildete, nackte Sixpacks und taumelt von einem zum andern. So direkt, mit derbem Witz und ohne Pikanterie setzt Robert Carsen bei der Festspielpremiere von Richard Strauss "Ariadne auf Naxos" (Donnerstagabend im Münchner Prinzregententheater) die Zerbinetta in Szene. Zum Glück erobert Diana Damrau mit all ihrem natürlichen Charme und ihrer Keckheit die Partie, girrt, flirrt und brilliert mit funkensprühenden Koloraturen, Trillern und Rouladen und veredelt mit diesem Zauberzeug ihres blitzenden Soprans sämtliche Plattitüden der Regie. Im schwarzen Unterkleid mit hochhackigen knallroten Lackpumps durchfegt sie Vorspiel und Oper und fetzt, wenns ernst wird, ihre Perücke in den Orchestergraben: weil sie erkennt, dass das Mädchen hinter der Maske doch manches mit dem Komponisten, diesem idealistischen Burschen, gemein hat.

Bis zuletzt lässt Robert Carsen ihn an "seiner" Oper teilhaben. So hockt Daniela Sindram, die den Mezzo-Part mit emphatisch aufblühenden Herz-Tönen und ungestümen Gesten (bei nicht optimaler Textverständlichkeit) auflädt, bis zur Schluss-Apotheose vorn im Parkett und lauscht. Hingerissen auch von der frechen Komödiantin, die seine Ariadne, das "Sinnbild der menschlichen Einsamkeit", erdet.

Prima Donna im Straussschen Sängerinnen- Trio ist natürlich Ariadne. Wunderbar lassen Strauss und sein genialer Librettist Hugo von Hofmannsthal sie den Verlust des geliebten Theseus, ihre Todessehnsucht und das Wunder der Verwandlung, das "Hinüber" nicht in den Tod, sondern ins Leben, zu Bacchus, besingen. Und Adrianne Pieczonka erfüllt in Stimme und Statur, was Komponist, Dichter und Publikum von der großen Trauernden erwarten: Mit edlem, raumgreifendem, in den Aufschwüngen aufleuchtendem, dabei beweglich-leichtem Samt-Sopran entwirft sie in der großen Szene ein intensives Seelengemälde - "Ein Schönes war", "Nicht noch einmal", "Es gibt ein Reich" - und erhebt sich in der fragenden Ungewissheit mit Bacchus strahlend über die brausenden Orchesterwogen.

In Burkhard Fritz findet sie einen standfesten, höhensicheren, kraftvollen Partner, der die kurze, mörderische Partie eindrucksvoll bewältigt. Mit ihm bricht Licht in Ariadnes düster-klaustrophobe Welt, zunächst nur durch einen bühnenhohen Spalt, der sich weitet, bis das Paar zuletzt wie ein Schatten vor gleißender Helligkeit steht. Endlich allein! Denn die vielfache Doppelung, mit der Carsen die in der Oper karge Szenerie (Bühne: Peter Pabst) immer wieder "belebt", wirkt wie eine inszenatorische Notlösung. Während mancher Einfall hübsch und musikalisch hörbar belegt wirkt, wie etwa Zerbinettas Show-Auftritt aus dem Klavier, das in ihrer Szene mit den vier Liebhabern vierfach hereinrollt, gleiten die wiederholten "Strips" ins Platte, ins Banale. Auch das aufgemotzte und wuselige Theater-auf-dem- Theater-Vorspiel wird überreizt. Es beginnt, noch ohne Musik, in einem Ballett-Probensaal, wo sich die hernach immer wieder eingesetzten Ariadne- und Bacchus-Doubles warm machen.

Plump und beschwerend wirkt es auch, wenn der "reichste Mann von Wien", der im Original wohlweislich verborgen bleibt, als stummer Zeitgenosse im Smoking mit Gefolge aufmarschiert. Sein "Haushofmeister" (Johannes Klama) trägt Scheitel, Brille und Nadelstreifen (Kostüme: Falk Bauer) zum schneidenden Organ, mit dem der warme Wohlklang von Martin Gantners fürsorglichem Musiklehre bestens kontrastiert. Die stimmige Commedia dellarte-Viererbande führt Bariton-Charmeur Nikolay Borchev als Harlekin selbstbewusst an.

Obwohl die Regie sich mit allerlei Aktionismus, mit Mätzchen und Banalitäten zu retten versucht, glücken wenige wahrhaftige Augenblicke (Komponist-, Ariadne-, Zerbinetta- Szenen), weil Gesang und Musik dann in den Fokus rückten. Das klein besetzte Staatsorchester trumpfte unter Kent Naganos Leitung groß auf, wenn Strauss den Rausch oder den dramatischen Ausbruch verlangt. Doch auch die vielen, filigranen Verästelungen dieser verehrten Mozart geschulten, stilistisch virtuos jonglierenden Partitur wurden ans Licht gehoben: in fein musizierten Soli und apart instrumentierten, transparenten Geflechten. Dennoch schade, dass die Inszenierung Grazie und Esprit der Musik oft ertränkte. Ein wenig störte auch der von einigen Sängern eifrig gesuchte Blickkontakt mit dem Dirigenten.

Das Premieren-Publikum ließ sich trotzdem begeistern, feierte das gesamte Team und huldigte vor allem den Damen Damrau und Pieczonka mit lautem Jubel. Zuvor gab es heftigen Applaus vom gesamten Ensemble schon auf der Bühne. Denn dorthin stürmte, als der Vorhang gefallen war, der glückliche "Komponist".

Weitere Aufführungen: 27., 30. Juli, Karten unter Tel. 089/ 21 85 19 20.

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