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Sein „Orgien Mysterien Theater“ brachte Hermann Nitsch nun zu Olivier Messiaens einziger Oper.

Münchner Opernfestspiele: Interview mit Hermann Nitsch

München - Bekannt wurde er über die Grenzen des Bildenden-Kunst-Betriebs hinaus mit seinem „Orgien Mysterien Theater" (seit 1971). Viele konnten sich so herrlich über diese Aktion, bei der auch nacktes Menschen- und totes Tierfleisch zu sehen war, aufregen.

Aber längst sitzt der Maler Hermann Nitsch, 1938 in Wien geboren, im Olymp der Klassiker der Moderne nach 1945. Sowohl der einst verstörende Wiener Aktionismus als auch sein Ritual-Spiel, das archaische Religiosität spiegelt, sind in die Kunsthistorie eingegangen. Bei den Münchner Opernfestspielen (25. Juni bis 31. Juli) versucht sich der Schöpfer der „Schüttbilder“ an einem anderen Gesamtkunstwerk. Er ist für die Ausstattung und die „szenische Konzeption“ der einzigen Oper von Olivier Messiaen verantwortlich: „Saint François d’Assise“ (uraufgeführt 1983). Premiere der ersten großen Festspielproduktion mit Kent Nagano am Pult ist am 1. Juli. Die Titelpartie singt Paul Gay.

Bühnenbild, Ausstattung - kann man sich bei einem bildenden Künstler gut vorstellen. Nun steht auf dem Besetzungszettel: „Szenische Konzeption“. Was ist Ihre Aufgabe, was die der Regie-Mitarbeiterin Natascha Ursuliak?

Ich komme von meinem eigenen Theater. Ich bin Theaterpraktiker und habe schon viele klassische Werke inszeniert, denn ich mache keine Bühnenbilder und keine Kleider. Ich erschaffe Räume - und will wissen, was mit diesen Räumen passiert. Im jeweiligen Theater habe ich hervorragende Praktiker, die mir sehr helfen, die Inszenierung zu realisieren.

Das heißt, zum Beispiel Personenregie. Wie kann man sich das ganz praktisch vorstellen?

Schauen Sie, eine geübte Regieassistentin behält die Partitur im Auge, kümmert sich um die Rahmung, schafft Fixpunkte.

Und die Zusammenarbeit mit den Sängern?

„Das wird ein Farbballett“: Paul Gay als Franz von Assisi in der Inszenierung von Hermann Nitsch.

Ich lasse sie möglichst in Ruh’, weil ich mein optisches Konzept habe - und da stelle ich sie hinein. Ich finde, man muss die Sänger kommen lassen. Zum Beispiel: Es ist nicht richtig, dass das Stück keine dramatische Entwicklung hat. Vor allem Franz von Assisi wird schon sehr gefordert. Der Sänger muss reagieren; da kann ihm kein Regisseur helfen, wenn er das nicht selber spürt.

Greifen Sie, wenn die Sänger Ihnen etwas anbieten, ein?

Vor allem bin ich gegen falsches Pathos. Alle Arbeiten, die ich gemacht habe, sind eher oratorienhaft - keine italienische Oper.

Kommt vielleicht noch...

Naaa, kommt nimmer..., (lacht)... wär’ so wie der Harnoncourt, der irgendwann doch Verdi dirigiert hat.

Stichwort „Raum“: Ist es wichtig für Sie, wie die Figuren ihn aufladen?

Das wird ein Farbballett, ein Kaleidoskop. „François“ ist ja eine sehr farbige Musik. Ich will das Synästhetische bei Messiaen unterstützen.

Gibt es eine Grundtendenz Ihres Raums?

Es sind immer mehr oder weniger sakrale Räume. Das Ganze ist ein sakrales Werk.

Auch in der Oper sind die beiden berühmtesten Szenen aus Franz von Assisis Leben geschildert: die Vogelpredigt und die Stigmatisierung. Viele Ihrer „alten“ Kollegen haben das gemalt. Wie stellt man das heutzutage auf der Bühne dar?

Ich habe viele aktionistische Elemente in die Inszenierung einfließen lassen. Die Sänger werden oft durch eine aktionistische Darstellung gedoubelt. Es wird einer ans Kreuz gebunden, kriegt Blut in den Mund. Das kann der Sänger nicht, weil er singen muss. (Lacht.) So ist das Aktionistische doch in dieses klassische Werk eingegangen.

Sie sind von Ihrer Art Theater festgelegte Abläufe - Rituale, Liturgien - gewöhnt. Bei einer Oper ist das um einige Nummern größer. Wie bewältigt man die Opern-Maschinerie?

Vielleicht gibt’s ja Menschen, die eine gewisse theatralische Begabung haben. Wagner war so. Und dann gibt es Leute, die machen das von der Pike auf. Man muss halt lernen, diesen Apparat zu bedienen.

„Saint François“ hat keine spannende Handlung, keine Liebeskonflikte. Kann ein bildender Künstler, der ja oft sehr ruhig und für sich arbeitet, besser damit umgehen als ein Theaterregisseur?

Schauen Sie, als junger Mann wollte ich eigentlich Kirchenmaler werden. Ich war ganz beeindruckt von den Klassikern: Michelangelo, Leonardo, Tintoretto, Tizian, Rembrandt und El Greco. No ja, ich bin’s insofern nicht geworden, weil man mir keine Kirchen zur Verfügung gestellt hat. (Schmunzelt.) Jetzt mach’ ich’s mir halt selber.

Religiosität ist Ihnen wichtig - allerdings ganz anders wie bei Messiaen, der dezidiert ein katholisches Werk komponieren wollte.

Ja, der hat sich voll dazu bekannt. Der war ein strenger Katholik. Bei mir ist es anders. Mich beeindrucken alle Religionen. Ich beschäftige mich sehr viel mit fremden Religionen, frühen Religionen. Für mich sind das alles Entwürfe, die Welt zu bewältigen, aber ich kann mich keiner Religion anschließen. Das Christentum hat faszinierende Symbole: Tod und Auferstehung.

Wer ist Franz von Assisi für Sie?

Er stößt in Grenzbereiche vor, zu denen ich nichts zu sagen habe: die Stigmatisierung. Da geschieht etwas, das man vielleicht psychologisch erklären kann - ich kann es nicht. Ich kann nur das Stück inszenieren.

Und, was fasziniert Sie an „Saint François d’Assise“ - mehr der Text oder die Musik?

Die Texte sind mit großer Intelligenz und mit einem ungeheuerlichen Materialfundus geschrieben. Die wunderbare farbenreiche Musik fasziniert mich schon sehr. Und die mystischen Tendenzen.

Sie stellen in der Galerie Thomas Modern aus, außerdem im Nationaltheater.

Hier wird man Bilder von mir sehen genauso wie bei Thomas, auch Videos von Aktionen und meinem Theater.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Informationen:

Nitsch in der Oper: Vorstellungen 1., 5., 10. Juli, 16 Uhr.

Nitsch in der Galerie: 30.6.- 6.7. tägl. außer So. 10-18 Uhr.

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