Münchner Opernfestspiele: Von der Kunst lernen

München - Was doch ein Besuch des japanischen Puppentheaters Bunraku alles auslösen kann. Gedanken über "Tristan" und Leitmotive, über den Regisseur Peter Sellars, Strawinskys Ballett "Apollo", über Rituale und ihre Veränderung. Und all das nur, weil der Stab einer Puppe brach und Richard Sennett, Soziologe aus Amerika, in dieser Londoner Aufführung saß.

Das Ergebnis seiner Überlegungen teilte Sennett nun im Jüdischen Kulturzentrum mit. Es war der Eröffnungsvortrag der diesjährigen Münchner Opernfestspiele. Zum neunten Mal startete das Festival auf diese Weise, gab damit dem Wort den Vorzug vor der Musik. Bislang hatte man Promis wie Nike Wagner, Richard von Weizsäcker oder Jan Philipp Reemtsma zu Gast. Sennett, der unter anderem in Harvard und Yale lehrte, derzeit Professor in London und Washington ist, war der Erste, der seinen Festvortrag auf Englisch hielt. Was offenbar dem Publikum wenig ausmachte, bekam es doch die deutsche Übersetzung in die Hände gedrückt.

Mit zeremoniellen Gesten Neues erkunden

Das Puppenerlebnis Sennetts brachte ihn zu Überlegungen über den Gegensatz von Ritual und Drama, von Zeremonie und den "Brüchen", also dem nicht Vorhersehbaren. Wie beides vom Gegensatz zum Miteinander gebracht werden kann, zeigt laut Sennett die Musik. Mittels bekannter, ritualhafter Formeln stoße sie in neue Ausdrucksbereiche vor - was sich besonders an Wagners "Tristan" zeige. Sennett sprach dabei aus eigener Erfahrung: Er studierte und spielte Cello, bis ihn eine Handverletzung zwang, das Instrument beiseite zu legen.

Dieses Prinzip der Kunst, mit "zeremoniellen Gesten" Neues zu erkunden, empfahl Sennett auch für andere Bereiche der Gesellschaft. "Als Bürger können wir für jede dieser Fragen aus der Praxis der Kunst etwas lernen."

 Nicht nur der Eröffnungsvortrag, auch die Opernfestspiele stehen erstmals im Zeichen der Ära Kent Nagano. Doch der künstlerische Chef der Staatsoper ließ Sennett sowie den Rednern Ulrike Hessler, Direktoriumsmitglied der Staatsoper, Kunstminister Thomas Goppel und Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens, den Vortritt. Nagano und das Staatsorchester boten Blochs Rhapsodie "Schelomo" (mit Cellist Yves Savary) und die "Metamorphosen" von Richard Strauss, dem früheren Präsidenten der Reichsmusikkammer - im Jüdischen Kulturzentrum eine ungewöhnliche Erfahrung. 

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