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Die Münchner Philharmoniker erleben – das soll man nach dem Wunsch der SPD bald auch im Internet können. Foto: fkn

Pläne für Münchner Orchester

Online-Konzertsaal für die Philharmoniker?

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Die Münchner Philharmoniker brauchen einen „digitalen Konzertsaal“, fordert die SPD. Tatsächlich: Bei den Kollegen in Berlin kann man Konzerte längst auch im Internet anschauen. Doch lohnt sich eine Umrüstung vor der Generalsanierung des Gasteigs?

Die Münchner Philharmoniker sollen sich ein Beispiel an ihren Kollegen aus Berlin nehmen. Wenn es nach der SPD im Rathaus geht, sollen in Zukunft alle Konzerte des Orchesters online verfügbar sein. „Ausverkauft, Abendtermine, Dienstreisen – wenn Klassikfans es nicht zum Live-Konzert in die Philharmonie schaffen, haben sie in München bislang schlicht Pech gehabt“, schreiben die Stadträte. Die Berliner Philharmoniker dagegen hätten mit ihrer „Digital Concert Hall“ ein Angebot, das man bequem zuhause oder unterwegs nutzen kann.

Die SPD fordert die Stadt auf, zu überprüfen, ob auch für die Münchner ein „digitaler Konzertsaal“ im Internet eingerichtet werden kann – inklusive Apps, um Livesendungen oder die zeitversetzte Ausstrahlung von Konzerten mobil verfolgen zu können. Auch kommerzielle Plattformen wie „iTunes“ sollen einbezogen werden. So könne man neue, junge Zielgruppen erreichen.

In Berlin ist man tatsächlich zufrieden. „Die Resonanz hat unsere Erwartungen übertroffen“, sagt Tobias Möller von der Medienabteilung der Berliner Philharmoniker. 20 000 zahlende Kunden nutzten das Angebot, das im Dezember 2008 eingeführt wurde – 80 Prozent seien aus dem Ausland. Für 9,90 Euro in der Woche, 14,90 Euro im Monat oder 149 Euro im Jahr kann man den Zugang abonnieren.

Dafür bekommt man viel mehr als nur die etwa 40 Konzertprogramme, die im Jahr stattfinden (so etwas gibt es auch in München: das kostenlose „Staatsoper-TV“, in dem seit drei Jahren aber nur live übertragen wird). In Berlin erhält man Zugang zu einer Art Mediathek, in der alle je aufgezeichneten Konzerte der Philharmoniker gespeichert sind. Wer also sehen und hören will, wie Herbert von Karajan am 10. April 1967 den Solisten Alexis Weissenberg durch Tschaikowkys erstes und Rachmaninows zweites Klavierkonzert dirigiert, kann das mit zwei Mausklicks tun. Dazu gibt’s Bonusmaterial wie Interviews mit den Künstlern. „Die Concert Hall ist so etwas wie unser virtuelles Abbild“, sagt Möller. Kulturreferent Hans-Georg Küppers und Paul Müller, dem Intendant der Münchner Philharmoniker, gefällt so ein Abbild natürlich auch. „Die Intensivierung der Klassischen Musik in den digitalen Medien ist ein sehr wichtiges Thema“, sagt Küppers. „Einige Ideen bestehen bereits im Orchester und sollen nun in ein nachhaltiges Konzept einfließen.“ Eine detaillierte Prüfung sei freilich unumgänglich – „vor allem aufgrund der finanziellen Auswirkungen“.

Die sind nicht ohne, gibt auch Tobias Möller aus Berlin zu. „Unsere Anfangsinvestitionen lagen bei einer Million Euro.“ Etwa für ein eigenes Übertragungsstudio, für sieben HD-Kameras und Mikrofone. Weitaus höher seien allerdings die Personalkosten für das Team, das die Sendungen gestalte sowie für die stetige Weiterentwicklung der App. „Der Berliner Senat hat uns gesagt: Das könnt ihr gerne machen, aber auf eigenes Risiko.“ Darum unterstütze die Deutsche Bank als Hauptsponsor das Projekt. Bei weiter steigenden Abo-Zahlen werde man finanziell allerdings bald auf eigenen Beinen stehen. Etwas Vergleichbares schwebt auch der SPD in München vor.

Freilich schwebt hier über allem zunächst einmal die ins Haus stehende Generalsanierung des Gasteigs, die 300 Millionen kosten könnte (wir berichteten). Gasteig-Chefin Brigitte von Welser sagt denn auch, einen „digitalen Konzertsaal“ habe man ursprünglich für 2016 geplant – doch sei nie klar gewesen, ob denn nun die echte Philharmonie umgebaut wird. „In den jetzigen Saal die teuren Kameras und das Studio einzubauen, nur um sie in ein paar Jahren wieder rauszureißen – das wäre ein Ding.“ Letztlich müssten der Stadtrat und die Philharmoniker wissen, was sie wollen. „Die doppelten Kosten – oder bis nach Ende der Sanierung 2022 warten.“

Johannes Löhr

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