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Russisches Temperament trifft auf hochkonzentriertes Publikum: Valery Gergiev am Pult in Tokios Suntory Hall.

Tourneebericht

„Schlechte Säle gibt's in Japan nicht"

Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker biegen auf die Zielgerade ihrer Asien-Tournee ein - wir sind dabei

Auf der Zugfahrt von Nagoya nach Sendai kommt es kurzfristig zum Hauen und Stechen zwischen Musikerinnen und Musikern. Der Grund dafür ist ein brodelnder: der Vulkan Fuji. Alles drängt sich an den Fenstern und Türen des Shinkansen, um sowohl einen Blick zu erhaschen als auch – noch besser – ein Foto des mit gut 3700 Metern höchsten Bergs Japans zu schießen. Majestätisch ragt er in der weiten Tiefebene empor, der Schnee am Gipfel reicht schon weit herunter und kündigt den nahenden Winter an.

Sendai, knapp 180 Kilometer vom Unglücksort Fukushima entfernt, ist der vorletzte Auftrittsort der Münchner Philharmoniker auf ihrer Asientournee. Trotz einer Größe von über einer Million Einwohnern wirkt hier alles wie in einer amerikanischen Vorstadt. Viele flache, bungalowartige Häuser, ein Einkaufszentrum am anderen, Tankstellen und kleine Supermärkte. Das Hotel liegt etwas außerhalb und verstärkt diesen Eindruck. In der Lobby steht schon der blinkende, überladene, immerhin nicht piepsend singende Christbaum. Man hat Blick auf einen Teich, fehlt nur das prasselnde Kaminfeuer, um die Skiurlaubsromantik perfekt zu machen. Aspen auf Japanisch sozusagen.

Der Weg zum Konzertsaal führt über schmale Straßen, an Kindergärten und Spielplätzen vorbei. Innen sieht der Spielort aus wie eine Mischung aus Schwimmhalle und Schulaula. Entsprechend skeptisch sind die Mienen mancher Musiker bei der Anspielprobe, die für Schüler und Familien kostenlos zugänglich ist. Die Akustik dieses Saales ist Valery Gergiev noch unbekannt. Also kann er nicht wie sonst die Halle mental abschreiten, um den Orchesterklang zu balancieren. Vielmehr geht er, nachdem er den zweiten Satz von Beethovens fünftem Klavierkonzert andirigiert hat, wirklich los und wandert den Saal ab. „Im Gasteig kann ich das leider nicht machen“, witzelt er später. „Da ist das Stück aus, bis ich ganz oben bin.“

Nach eingehender Prüfung geht Gergiev in die Feinjustierung. Das Holz klingt zu voll, daher kommt Pianist Nobuyuki Tsujii in den sehr zart gespielten Stellen nicht so durch wie gewünscht. Auch an der Artikulation arbeitet der Chef, adaptiert bereits Erarbeitetes wieder für die momentane akustische Situation. Beeindruckend, wie flexibel die Münchner Philharmoniker reagieren, immer bereitwillig folgend, mitdenkend, experimentierfreudig. Das Ergebnis ist verblüffend. Der so spröde anmutende Saal klingt zwar weniger brillant als so mancher, den man bisher auf der Reise kennenlernen durfte. Aber dafür auch ausgeglichener, homogener, durchsichtiger. Es macht großen Spaß, solche akustischen Besonderheiten miteinander zu vergleichen. „Die Japaner haben einfach nie gelernt, schlechte Säle zu bauen“, schwärmt Gergiev. „Sie lernen Akustik wie eine Wissenschaft, analysieren alte italienische Instrumente. Wie sind sie gebaut? Warum klingen sie so gut? Also eine magische Mischung aus Wissenschaft und Künstlertum. Diese Akustiker sind unsere heutigen Stradivaris, Amatis oder Guarneris.“

Die Krone dieser Kunst ist wohl die Suntory Hall in Tokio. Dessen ist man sich hier bewusst. Das Personal am Bühneneingang ist streng: Wer keinen Ausweis dabei hat, kommt nicht rein. Also zurück ins Hotel, was man nicht im Kopf hat, muss man in den Füßen haben.

In der japanischen Hauptstadt spielen die Münchner Philharmoniker erstmals auf der Reise Schostakowitschs neunte Symphonie und Beethovens „Egmont“-Schauspielmusik. Schon in der Ouvertüre sieht man ihnen die Lust am Musizieren an, mit viel Blickkontakt und manchem Schmunzeln um die Mundwinkel. Bei Schostakowitsch kann sich der Zuhörer in den samtenen Streicherklang einhüllen und dennoch Details in Horn und Holz mühelos wahrnehmen. Große Stunde auch für die wunderbaren Orchestersolisten, die vom Publikum dementsprechend gefeiert werden.

Abseits der Konzerte ist etwas Zeit, sich umzusehen. Beispielsweise im Tower Records, einem Musikfachgeschäft, wo die erlesene Klassikabteilung neben überdrehtem Japan-Pop, Jazz oder Hip-Hop gleichberechtigt steht. Abenteuerliche Aufnahmen gibt es hier mitunter. Einen „Wozzeck“ aus München mit Carlos Kleiber. Oder eine „Elektla“ (so steht es gedruckt auf der Rückseite der CD) mit demselben Star aus Stuttgart. Neben den obligatorischen Neuerscheinungen dominiert in Japan anscheinend eh die Liebe zum Vergangenen. In der internen Top-Ten-Liste belegen Uralt-Mitschnitte mit Hans Knappertsbusch die ersten beiden Plätze. Fast wie dahoam.

Freuen sich nach so langer Zeit die Phillis, wieder nach München zu fliegen? „Na ja, wir sind jetzt zweieinhalb Wochen unterwegs, das ist ja überschaubar“, meint Bratscher und Orchestervorstand Konstantin Sellheim. „Da spüre ich eher schon wieder Vorfreude auf die nächste Tournee und davor viele schöne Konzerte in München in nächster Zeit.“

Von Maximilian Maier

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