+
So sieht in Corona-Zeiten und dank der bayerischen Verordnungspolitik ein ausverkaufter Gasteig aus.

CORONA-KONZERT

Münchner Philharmoniker: Neustart im „ausverkauften“ Gasteig

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
    schließen

Was für eine absurde Situation: Die Münchner Philharmoniker vor 100 Zuhörern im Gasteig.

München - Ob man viel zu früh angereist ist? Oder, noch schlimmer: Haben die drinnen schon begonnen? Falscher Alarm: Die Münchner Philharmoniker und Chefdirigent Valery Gergiev wollen tatsächlich Punkt acht aus den Ruinen der Corona-Krise auferstehen. Was sich bis dahin im Innenhof des Gasteig tut: nichts. Hie und da geht einer vorüber – könnte auch ein verirrter Passant sein. Manche stehen paarweise zum Schwätzchen beieinander. Als es gongt, wird nach dem Mundschutz genestelt. In den Foyers der Philharmonie versprengte Gestalten, wenige Sekunden später im Saal erlebt die Vereinsamung des Musikfreunds ihren Höhepunkt: Mehr als drei, vier pro Reihe sind nicht erlaubt.

Ist das also der „bewegende Moment“, von dem Philharmoniker-Intendant Paul Müller in seiner kurzen Rede spricht? Der Neustart seines Orchesters vor Publikum, das erste öffentliche Konzert vor nur 100 erlaubten Zuhörern, das setzt anfangs weniger Tränen der Wiederhörensfreude, sondern Frust und Kopfschütteln frei. Eine Atmosphäre wie bei einer Probe. Als das Orchester sitzt, noch vor Erscheinen von Valery Gergiev, erhebt sich Applaus des schütteren Häufchens. Freundlich klingt der, aufmunternd und auch trotzig – fest entschlossen, sich den ersten Live-Genuss nach Monaten nicht von einer irrationalen bayerischen Lockerungspolitik vermiesen zu lassen: Bis zu 700 Zuhörer wären nach einem Hygiene-Konzept des Gasteig schließlich möglich.

Maximal 45 Instrumentalisten auf der Bühne

Mit Sondergenehmigung und Corona-Test konnte Gergiev aus seiner Heimatstadt St. Petersburg eingeflogen werden. Nach einigen Geisterkonzerten nur für Video gibt es den öffentlichen Neustart nun als Chefsache, das ist ein starkes Zeichen. Und um gar nicht erst Wehmut oder Rührung aufkommen zu lassen, beginnt Gergiev mit einem doppelten Witz: mit Sergej Prokofjews parodistischer „Symphonie classique“ und Dmitri Schostakowitschs Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester. Alles klingt mit deutlich mehr Hall versehen als sonst. Die auseinander gezogene Sitzordnung der maximal 45 Instrumentalisten verstärkt den kammermusikalischen Charme. Es ist fast ein Paradox: Die Philharmoniker tönen so präsent und dynamisch wie immer, gleichzeitig wird das Skelett der Partituren offenbar – Corona sorgt offenkundig für eine ganz gesunde Klang-Diät. Und manchmal sind einzelne Musiker auszumachen, vor allem Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcowici. Der mausert sich immer mehr zum Co-Dirigenten an Gergiev-Abenden und gibt dort ordnende Impulse, wo die Schlagtechnik des Maestro bei gewohnt knapper Probenzeit eher irritiert.

Chefdirigent Valery Gergiev wurde mit Sondergenehmigung aus St. Petersburg eingeflogen.

Man kann also den Prokofjew schon genauer spielen, doch das fällt zu einem solchen Anlass nicht ins Gewicht. Immer wieder gibt es langen Applaus, ein paar Bravi mischen sich darunter. Bald ist klar: Corona-Konzerte wie dieses heben das Gegenüber von Bühne und Rängen auf, hier wachsen Orchester und Besucher zur Schicksals- und Solidargemeinschaft zusammen. Zum Höhepunkt wird Schostakowitschs Opus, das hier nicht zu grell, sondern als Zirkusmusik mit Noblesse serviert wird. Pianistin Anna Vinnitskaya ergänzt das mit unaufdringlicher Virtuosität und sehr konturiertem Spiel. Trompeter Guido Segers veredelt seinen Part mit butterzartem Ton. Melancholie naturgemäß bei Franz Schuberts h-Moll-Symphonie. Das Schroffe, Abweisende der „Unvollendeten“ kommt nicht ganz heraus. Dafür ereignen sich in ruhigen Passagen zwei, drei heftige Herzwehmomente. Und als das Werk wie ermattet zusammensackt und Leere zu Klang wird, ist auch die bizarre Saal-Situation vergessen. Für einen Moment wenigstens.

Video-Aufzeichnung
vom 10. bis 12. Juli unter www.mphil.de

Auch interessant

Kommentare