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Ab Sommer 2011 ist die Stelle verwaist: Die Münchner Philharmoniker brauchen dringend einen Nachfolger für ihren Generalmusikdirektor Christian Thielemann, den es zur Staatskapelle Dresden zieht.

Münchner Philharmoniker: Ein Interview zur Orchesterkrise

Viel ist er derzeit unterwegs. Kein Wunder: Paul Müller, Intendant der Münchner Philharmoniker, braucht dringend einen Nachfolger für Christian Thielemann, der das Orchester im Sommer 2011 nach Querelen verlässt.

Der Dirigenten-Markt quillt nicht gerade über vor Kandidaten, gehandelt werden für diese Position unter anderem Semyon Bychkov und Christoph Eschenbach.

Wie ist die Stimmung bei den Philharmonikern?

Die letzten Monate waren für alle Beteiligten schwierig und mit starken Emotionen verbunden. So eine Situation braucht ihre Zeit, man darf hier nichts unterdrücken. Dass Menschen über diese Entscheidung traurig sind, halte ich für mehr als nachvollziehbar. Das Wichtigste, was wir im Moment brauchen: In diese Situation muss Ruhe einkehren. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass wir alle gemeinsam nach vorne schauen. Die Saison 2011/2012 ist für uns ja quasi übermorgen. Und diese Saison muss so spannend sein, dass unsere Zuhörer uns die Treue halten.

Werden denn schon einige treulos? Gibt es Abo-Kündigungen?

Es gibt Abonnenten, die enttäuscht sind, das verstehen wir. Allerdings sind wir gerade nicht in einer Phase, in der Abos verlängert werden. Wir tun alles, um unsere Zuhörer zu halten und wir hoffen auf die Treue unserer Abonnenten zu ihrem Orchester, den Münchner Philharmonikern.

Wie muss der ideale Philharmoniker-Chef beschaffen sein?

Paul Müller

Das weiß ich nicht. Was ich jedoch weiß: Eine solche Entscheidung fällt nicht nur im Kopf, sondern auch im Bauch. Wie bei jeder anderen Beziehung. Wir laden so bald als möglich interessante Dirigenten ein, natürlich neben den Dirigenten, die das Orchester sowieso dirigieren. Was schwierig ist: Die Saison 2010/11 ist weitestgehend geplant. Da gibt es also begrenzte Möglichkeiten. Die Saison 2011/12 werden wir vermutlich auch dazu brauchen, das Orchester mit diesen Persönlichkeiten in Kontakt zu bringen. Das heißt: Wir haben 2011/12 wahrscheinlich noch keinen Chef. Was ich sehr gut finde: Das Orchester hat eine Kommission gegründet, die sich mit unserer Zukunft beschäftigt. Mir ist wichtig, dass das Orchester mehr beteiligt wird. Auch, weil wir künftig in vielen anderen Bereichen verstärkt tätig sein müssen, wenn ich etwa an die „Education“-Projekte denke. Die brauchen engagierte Musiker, die Verantwortung übernehmen.

Das klingt alles nicht nach baldiger Chef-Entscheidung.

Das weiß man nicht. Fatal wäre es nur, wenn man sich unter Druck setzt. Und zwischendurch kann auch immer ein Wunder geschehen... Warten wir die weiteren Entwicklungen ab!

Oberbürgermeister Christian Ude hat durchblicken lassen, dass im Vertrag des künftigen Chefs keine Planstellen-Anzahl fürs Orchester mehr garantiert werden könnte. Haben Sie Angst vor Begehrlichkeiten?

Ich habe keine Anzeichen dafür. Ich halte engen Kontakt zu Kulturreferent Hans-Georg Küppers, zu den philharmonischen Räten und natürlich zum Oberbürgermeister. Wenn so etwas anstehen würde, bekäme ich das mit.

Wird es enger fürs Orchester?

Bezüglich der Einsparungsmöglichkeiten sind wir an einen Punkt angelangt, an dem jede weitere Veränderung qualitative Folgen hätte.

Sie haben sich in den sommerlichen Krisenwochen ruhig verhalten. Warum war in der Debatte kein Wort von Ihnen zu vernehmen?

Ich habe einen hohen Respekt vor der künstlerischen Leistung unseres Generalmusikdirektors Christian Thielemann. Mein Prinzip ist: Über betriebsinterne Dinge rede ich nicht öffentlich. Was ich nie wollte: Die Situation in irgendeiner Weise verschärfen. Bis zur endgültigen Entscheidung musste ich auch alle Wege offenhalten, und das habe ich getan.

Hat das Ansehen der Philharmoniker Schaden genommen? Spüren Sie das in Ihren Verhandlungen mit Dirigenten?

Nein. Und eine meiner Aufgaben ist, dafür zu sorgen, dass so etwas nicht passiert.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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