Kommende Saison ist gerettet

Münchner Philharmoniker: Die Krise als Chance

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München - Die kommende Saison der Münchner Philharmoniker ist gerettet. Nach dem Tod von Chefdirigent Lorin Maazel mussten 45 Konzerte umgeplant werden. Das Ergebnis des Krisenmanagements: drei Debüts, ein paar Routiniers als Einspringer und nur drei Konzertausfälle.

„Der Blick auf die Mails“, sagt Intendant Paul Müller, „ist jeden Morgen der spannendste gewesen.“ Welcher Dirigent reagiert auf die Anfragen? Welcher winkt ab? Vor allem aber: Wer kann bitte, bitte einspringen? Nach dem Rücktritt von Lorin Maazel als Chefdirigent am 12. Juni, vor allem nach seinem Tod am 13. Juli musste Müller den GAU bewältigen: 45 von 92 Konzerten der Münchner Philharmoniker waren „verwaist“, das bedeutet, dass für 16 Programme Ersatzlösungen gefunden werden mussten. Weltweit ist ein solcher Fall wohl einmalig, nur das Boston Symphony Orchestra musste nach der Demission James Levines annähernd Ähnliches verkraften.

Doch die „Anrufe bei Freunden“, wie es Müller ausdrückt, oder bei den Agenturen waren letztlich erfolgreich – und das in einer Phase, in der jeder Dirigent für die kommende Spielzeit eigentlich schon verplant ist. Das Wichtigste: Nur drei Konzerte der Philharmoniker mussten abgesagt werden. Das betrifft den „Ring ohne Worte“ im Juni 2015, einen Abend auf der China-Reise und ein Sonderkonzert im Carl-Orff-Saal, das Lorin Maazel mit seiner Frau Dietlinde Turban bestreiten wollte. Nur eine einzige Terminverschiebung gibt es überdies: Das Konzert vom 5. 10. wurde auf 3.10. 2014 verlegt, Einspringer ist hier Zubin Mehta.

Neben Mehta, Ehrendirigent der Münchner Philharmoniker, kommen weitere Routiniers zu Hilfe. Die drei Wochen zum Saisonauftakt übernimmt Semyon Bychkov, der dem Orchester seit langem eng verbunden ist. Valery Gergiev, der künftige Chef, dirigiert einen besonderen Abend: Am 6. März 2015 hätte Maazel mit eigenen Werken eigentlich seinen 85. Geburtstag feiern wollen. Gergiev leitet nun ein Dvořák-Strauss-Programm – und springt auch auf zwei Tourneekonzerten in Paris und Shanghai ein. Noch ein Promi, der kurzfristig gewonnen werden konnte, ist Christoph Eschenbach, er kommt im März 2015.

Größtes Sorgenkind der Philharmoniker ist naturgemäß das „Abo H5“ – es ist die Reihe mit dem Chefdirigenten. Hier sind nun zweimal Mehta und einmal Gergiev zu hören, Manfred Honeck leitet das Programm zum Jahreswechsel mit Sopran-Star Diana Damrau. Vier statt fünf Konzerte also. „Die Geschäftsgrundlage für dieses Abo ist eigentlich entfallen“, räumt Paul Müller ein. Wer ein Abo hat, kann dieses also entweder zurückgeben – oder er sucht sich aus der Saison ein zusätzliches fünftes Konzert aus und erhält für jeden weiteren Abend 50 Prozent Rabatt.

Ziemlich kreativ mussten die Münchner Philharmoniker in dieser Situation sein. Auch was den Probenplan betraf, der gehörig durcheinander geraten ist. Außerdem wurden einige Programme umgeworfen, was nun unverhofft zwei kleine Bruckner- und Schubert-Schwerpunkte beschert. Drei ungeplante Debüts gibt es in der kommenden Spielzeit. Erstmals am Pult des Orchesters stehen der 40-jährige Michal Nesterowicz aus Polen, der 31-jährige Robert Trevino aus Italien sowie der 34-jährige Andris Poga aus Lettland. Letzterer konnte auch für Tournee-Abende in Peking und Taipeh gewonnen werden.

All das bedeutet: Keines der Auswärtskonzerte musste abgesagt werden. Ein wichtiger Punkt für die Philharmoniker, die unter Lorin Maazel wieder verstärkt auf Tournee gingen. Das Konzert in Shanghai am 13. Oktober ist dabei von besonderer Bedeutung. Dort wird eine neue Konzerthalle eröffnet, die Philharmoniker gehören zum Einweihungsprogramm.

Den Stress der vergangenen Wochen sieht man den Verantwortlichen an. Während das Betriebsbüro in München rotierte, war Intendant Paul Müller viel auf Reisen für persönliche Gespräche. In zwei Schüben verlief die Umplanungsphase. Zunächst, nach dem Rücktritt Maazels im Juni, organisierte Müller nur die Zeit bis zum Jahresende – in der Hoffnung, der Chef komme doch noch zurück. Nach dem Tod Maazels waren schließlich 50 Prozent der Spielzeit Makulatur.

Und dennoch: Bietet die Krise vielleicht eine Chance? Fast scheint es so, wenn man den Beteiligten zuhört. „Das Orchester ist sehr lebendig geworden dadurch“, sagt Müller. „Entscheidende Potenzial-Veränderungen kommen ja immer dann, wenn’s irgendwo klemmt.“ Konstantin Sellheim, Bratscher und Mitglied des Vorstands, bestätigt: „Das alles hat uns mehr zusammengeschweißt. Wir können nun besser auf neue Rahmenbedingungen reagieren.“ Schon unter Maazel sei man darauf angewiesen gewesen, die Programme verstärkt in Eigeninitiative zu üben. Was sich jetzt, angesichts der Situation mit den Ersatzmännern, fortsetze. Eine musikalische Flexibilität, die der täglichen Arbeit nur zugute komme. Er erlebe nun, so Sellheim, „wie fit“ das Orchester geworden sei, dies „bei allem Respekt“.

Noch gibt es kaum merkbare Irritationen bei den Abonnenten, wie Paul Müller mitteilte. Man hoffe nun, dass die Musikfans angesichts der neuen Gesichter und Programme dem Orchester treu bleiben und Verständnis haben. Immerhin gab es schon ein paar Zuschriften mit ganz anderem Inhalt, wie Müller und Sellheim bestätigen: Manch einer hat sich als Einspringer empfohlen.

Von Markus Thiel

Nähere Informationen zu den neuen Programmen und den neuen Dirigenten unter www.mphil.de.

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