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„Ich bin kein Verhinderer“: Noch immer fehlt die Unterschrift unter Christian Thielemanns Vertragsverlängerung.

Münchner Philharmoniker: Krise in der Muster-Ehe

Fünf weitere gemeinsame Jahre, so hatten sich das die Münchner Philharmoniker und ihr Chefdirigent Christian Thielemann eigentlich vorgestellt. Doch seit Monaten fehlt seine Unterschrift unter der Vertragsverlängerung.

Gäbe es so etwas wie natürliche Verbündete auf dem Musikmarkt, Thielemann und die Münchner Philharmoniker wären dafür das Musterbeispiel. Vor allem bei Deutschromantischem sind sie weltweit so gut wie ungeschlagen – warum sollte man also diese „Ehe“, die 2004 begann und zunächst für sieben Jahre geschlossen wurde, beenden?

Wer Thielemann kennt, weiß, dass man es hier mit einem sehr selbstbewussten bis eigenwilligen Chef zu tun hat. Und wer ins Orchester samt Umfeld hineinhört, der erfährt, dass alle Beteiligten durch eine Verkettung von Eigenwilligkeiten, Kompetenzproblemen und (verletzten) Eitelkeiten in die Krise hineingeschlittert sind.

Da ist zum einen das Pochen des Generalmusikdirektors auf seinem Entscheidungsrecht in wichtigen Fragen (siehe Interview). Ein Recht, das laut Entwurf des Verlängerungsvertrags eingeschränkt werden soll. Anders allerdings als seinerzeit an der Deutschen Oper Berlin, als Thielemann bewusst eine Trennung in Kauf nahm, möchte er München nicht einfach im Streit verlassen – auch wenn ihn die Dresdner Semperoper gerade interessieren dürfte. Nach dem Abgang von Fabio Luisi ist ab 2012 der Chefposten frei. Dass Thielemann gern mit der Staatskapelle musiziert, ist bekannt. Zudem leitet er 2010 dort Beethovens „Missa Solemnis“ in einem Festkonzert – man schätzt sich also.

Doch auch innerhalb der Münchner Philharmoniker ist eine Gemengelage entstanden. Ein sehr großer Teil des Orchesters will nach wie vor mit Thielemann zusammenarbeiten, die einen mit voller Begeisterung, die anderen mit kritischer Distanz. Den meisten ist bewusst, dass Thielemann der zurzeit bestmögliche Dirigent für ein Orchester in dieser Klangtradition ist und ein Star, dessen Renommee Einladungen zu einem Opernzyklus in Baden-Baden oder zu einer Konzerttournee nach Japan zu verdanken ist. Nach der unglücklichen Zeit unter James Levine haben die Münchner Philharmoniker gleichsam wieder zu sich selbst gefunden – was auch von den Konzertbesuchern honoriert wird.

Auf einer Ensembleversammlung gab es ein dementsprechendes Votum für Thielemann, allerdings noch vor den jüngsten Vertragsstreitigkeiten. Eine diffuse Rolle, so ist zu hören, spielt in diesem Zusammenhang der Orchestervorstand. In der Interimszeit nach dem Weggang des geschassten Intendanten Wouter Hoekstra und vor Amtsantritt seines Nachfolgers Paul Müller ist das Dreier-Gremium zu einer Art „Ersatz-Intendanz“ und zum Unmut mancher Philharmoniker immer selbstbewusster geworden – was zur Folge hat, dass er in dieser Woche wohl nicht wiedergewählt wird.

Offiziell hält sich die Stadt München zum Zwist bedeckt. Das Büro von Kulturreferent Hans-Georg Küppers ließ mitteilen, zu Vertragsinterna werde er sich nicht äußern. Dennoch gibt es aus dieser Richtung seltsame Signale, die darauf hindeuten, dass man sich für eine Zeit nach Thielemann positioniert – dem Ensemblewillen liefe das eigentlich zuwider. Auf der heutigen Orchesterversammlung möchte Küppers, so wird berichtet, dazu Stellung beziehen. Immer wieder taucht das Modell auf, mit einem Dirigenten aus der jüngeren Generation einen Neuanfang zu wagen. Allein schon aus Marketinggründen ist das fragwürdig, stützt sich doch die große Karten-Nachfrage nicht zuletzt auf den Star Thielemann.

Außerdem brauchen die Philharmoniker wie jedes andere Ensemble dieser Güteklasse eine starke Persönlichkeit am Pult. In der gerade ablaufenden Spielzeit ist es zu diversen Lässigkeiten, unter anderem Fehlzeiten ohne offizielle Erlaubnis, gekommen. Und Newcomer am Pult, das hat sich Ende April am Beispiel Constantinos Carydis gezeigt, lässt man gern mal auflaufen.

Was allerdings auch in diesen Tagen deutlich wird: Das Verhältnis zwischen Thielemann und Intendant Paul Müller ist verbesserungsfähig. Der Chefdirigent ist nicht gewillt, mehr Kompetenzen an die Intendanz abzutreten, würde das viel lieber direkt mit seinem Orchester regeln. Auf der anderen Seite verhält sich Müller zurzeit auffallend still. Vorwürfe, nun verschleiße Thielemann schon den dritten Intendanten, decken sich indes nicht mit der Realität: Bernd Gellermann hatte seinerzeit schon vor Amtsantritt Thielemanns gekündigt, der „Fehleinkauf“ Wouter Hoekstra wurde vor allem auf Betreiben des Orchesters aus München vertrieben.

Unterm Strich bewegt sich die Stimmung zwischen Christian Thielemann und Münchner Philharmonikern im branchenüblichen Rahmen und ist weitaus positiver, als es manche darstellen. Erzählungen, der Chefdirigent habe den einen oder anderen „auf dem Kieker“, werden lässig abgetan: „Das ist doch übertrieben. Es gehört zur Professionalität, dass man damit umgehen lernt“, sagt eine Musikerin. Woran hakt also die ganze Angelegenheit? Im Grunde nur an Kommunikationsproblemen. Und die dürften sich unter echten Profis regeln lassen. "

Von Markus Thiel

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