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Die Münchner Philharmoniker wurden in New York mit einer Protest-Aktion empfangen.

Kritik galt Dirigent Valery Gergiev

Münchner Philharmoniker: Proteste in New York

New York - Die Münchner Philharmoniker haben in New York ihr erstes von zwei Konzerten gegeben. Der Auftritt wurde von einer Protest-Aktion gegen den russischen Dirigenten Valery Gergiev überschattet.

5600 Kilometer als (fast) spontane Dienstreise – wer wird denn da in Panik verfallen? Außerdem war die Maschine von London nach New York ja pünktlich, bei der Einreise winkten ihn die peniblen US-Zöllner schnell durch. Und auch wenn das Auto vom John-F.-Kennedy-Flughafen im Stau steckenblieb: Valery Gergiev traf fast auf die Minute genau an der Carnegie Hall ein. Die Münchner Philharmoniker saßen bereits auf dem Podium, man habe sich, so die Anordnung, für diese einzige Probe ab 13.30 Uhr bereitzuhalten.

Ein paar Worte von Carnegie-Chef Clive Gillinson und Orchester-Intendant Paul Müller („dass er diesen Stress auf sich genommen hat“), eine kaum hörbare Begrüßung von Gergiev – es gab Wichtigeres: Richard Strauss fürs abendliche Konzert. Mit Detailarbeit mochte sich Gergiev da nicht aufhalten. Am „Till Eulenspiegel“ wurde zwar länger gepuzzelt, ansonsten jedoch durchdirigiert. Bald tropfte der Schweiß von der Maestro-Nase, einmal klingelte sein Handy, von draußen tönte kurz eine Polizeisirene herein und oft ein Presslufthammer.

Diese Tournee dürfte in die Annalen der Münchner Philharmoniker eingehen. Da darf man seit 2002 wieder für zwei Abende in den legendären Saal, und ausgerechnet jetzt kommt der Chef abhanden. Lorin Maazel hatte bekanntlich ein Attest schicken lassen. Recht schnell lief es auf seinen Münchner Nachfolger als Ersatz hinaus. Aber Gergiev sollte eigentlich ein Konzert in Nowosibirsk leiten. Einiges musste umgeschichtet und verhandelt, vor allem abgesagt werden. 24 Stunden New York sprangen dabei heraus, nach dem Konzert reiste er um fünf Uhr früh nach zweieinhalb Stunden Schlaf zurück nach Europa. Ein Hasardeur, ein Retter. Aber der Russe ist Klassikquickies gewohnt. Er dürfte der einzige Dirigent weltweit sein, der an einem Tag im Amsterdamer Concertgebouw und in der Carnegie Hall auftrat, vor elf Jahren ist das passiert.

Das zweite Programm der Münchner Philharmoniker in New York übernahm Fabio Luisi, als ständiger Gast der Metropolitan Opera dort gut etabliert. Ein Happy End für alle Beteiligten also, wenn da nicht ein paar Schmutzflecken gewesen wären.

Putin-Unterstützer Gergiev im Big Apple? Zwei Dutzend Demonstranten rief das auf den Plan. Vor und nach dem Konzert postierten sie sich mit Plakaten an der Carnegie Hall. „Don’t support Putin“ wurde skandiert, auch „Don’t support war“, „Gergiev out of New York“ und „Shame on Carnegie“. Auf Flugblättern hatte man Beispiele für Gergievs Pro-Putin-Politik aufgelistet. Kein Skandal, aber doch ein schmerzhafter Nadelstich, der zeigt: Für den Star (und die Philharmoniker) hat sich die Situation noch nicht normalisiert.

Drinnen dagegen ungetrübte Stimmung. Lokalmatador Emanuel Ax bekam für seine Klavierartistik in Strauss’ „Burleske“ den größten Jubel. Auch Gergiev samt Orchester gönnte man viele Bravi, einige Zuhörer erhoben sich zu Standing Ovations. Gemessen an Maazels Münchner Abende mit demselben Programm war’s ein Quantensprung. Der angeschlagene 84-Jährige hatte vor gut zwei Wochen das meiste durchgewunken (wir berichteten), Gergiev gab sich jetzt offensiver. Hochkalorisches Orchesterfutter ist seine Welt, ohne Effektvolles funktioniert der Mann nicht richtig. Bei „Also sprach Zarathustra“ und „Till“ sorgte er für viel Energie, gehaltvollen Klang – und die erforderliche Schlagzahl. Extrem motiviert reagierte das Orchester. „Es sind halt 24 Jahre jüngere Tempi“, meinte ein Musiker lächelnd.

Abgesehen vom Nothelfer Gergiev: Nur für zwei Konzerte nach New York, das ist ein gewaltiger Aufwand und lässt sich nur mit dem erhofften Zuwachs an internationalem Renommee erklären. Die Philharmoniker reisten in Riesenbesetzung an, dazu die vielen Instrumente bis hin zur großen Glocke, vier Tage Übernachtung in Manhattan: Stemmen lässt sich das alles nur mit einem Sponsor. Der hieß in diesem Fall BMW und bekam als Dankeschön ein Konzert im Zentralbahnhof der Stadt.

Eigentlich hetzen täglich Hunderttausende durch die Vanderbilt Hall der riesigen Grand Central Station. Doch Blasmusik macht’s möglich: Nachmittags blieben erstaunte Pendler bei der Probe stehen. Abends war die Halle nur für geladenes Publikum geöffnet. Auf der Bühne Bläser und Schlagzeuger in Dirndl und Stresemann. Klarinettist Albert Osterhammer, seit einiger Zeit zuständig fürs Edel-Humtata der Philharmoniker, dirigierte, Oboistin Lisa Outred aus Australien moderierte charmant. Was unangenehm rauschte, war kein Platzregen, sondern die Klimaanlage. Man hörte Märsche, Walzer und Polkas, am Ende standesgemäß den Bayerischen Defiliermarsch. Bier und Bretzeln hätten gepasst, stattdessen gab’s mikroskopisch kleine Häppchen, Wein, Sekt oder Gin Tonic.

Für Münchens Philharmoniker waren diese New Yorker Tage das größtmögliche Wechselbad, auch was den zweiten Retter betraf. Wie detailreich man in zweieinhalb Stunden die einzige Probe absolvieren kann, führte Fabio Luisi vor. Ein souveräner Handwerker, ein Extrem-Kümmerer, der stark aufs Orchester fokussiert ist und weiß, wo die kniffligen Scharnierstellen bei Richard Strauss sind. Die Chemie stimmte sofort. Geputzt, geschärft, brillant abends die „Rosenkavalier“-Suite und das „Heldenleben“. Sentiment gestattete sich der temperamentvoll taktierende Luisi kaum: Strauss nicht als satt brummender Zwölfzylinder wie bei Gergiev, sondern als wendiger, hochtouriger Sportwagen.

Karita Mattila sang mit gut kontrolliertem, großkalibrigem Sopran die „Vier letzten Lieder“, Klangentwicklung war wichtiger als Textraffinesse. Auch hier großer Jubel, ein triumphales Finale der Kurz-Tournee mit zweimal fast ausverkauftem Saal. „Das ist ein Klang, den ich viele Jahre lang vermisst habe“, hatte Luisi unter dem Beifall des Orchesters bei der Probe gesagt. „Es ist eine Freude, Ihnen zuzuhören.“ Keine Einwände.

Von Markus Thiel

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