Münchner Philharmoniker in Südamerika

München - Es ist eine Reise der Kontraste: Die Münchner Philharmoniker touren mit ihrem Ehrendirigenten Zubin Mehta durch Südamerika. Unsere Mitarbeiterin Gabriele Luster begleitet sie zum Parkkonzert mitten in São Paulo und in Musiktempel mit Zauberklang.

Es nieselt, graue Wolken hängen über São Paulo. Im Herzen der gewaltigen Stadt liegt der Parque Ibirapuera, bei schönem Wetter ein perfektes Erholungsziel in dem 16-Millionen-Moloch. Selbst an diesem etwas ungemütlichen Sonntagmorgen finden sich über 3000 Menschen vor der Konzertbühne des Parks zusammen. Musikfreunde, Jogger, junge Pärchen, Familien. Viele haben ihre Hunde mitgebracht. Sie sind gekommen, um den Münchner Philharmonikern zuzuhören, die mit ihrem Ehrendirigenten Zubin Mehta (74) zehn Tage lang durch Südamerika reisen.

Mehta baut seinen südamerikanischen Zuhörern eine ungewöhnliche Klangwelt. Nicht nur aus Wiener Walzer, ungarischen Tänzen und virtuosen Geigenklängen. In Tschaikowskys blechgerüstete Ouvertüre 1812 mischt er die Klänge einer brasilianischen Banda.

Früh am Morgen hat der Maestro die 14 Blechbläser auf Tschaikowsky eingeschworen. Die Musiker stammen alle vom Orchester des Instituto Baccarelli aus Heliopolis, São Paulos größter Favela. Zubin Mehta ist mit diesem Orchester vertraut, er hat es vor vier Jahren zum ersten Mal dirigiert, als ihm ein junger Kontrabassist, Adriano, vorspielte. Er sollte später zu einem Stern am brasilianischen Musikhimmel aufsteigen. „Ein Virtuose“, erzählt Mehta begeistert. „Vor wenigen Jahren noch war der Junge drogenabhängig.“ Ein ehemaliger brasilianischer Spielzeugfabrikant finanzierte dem Jungen ein zweijähriges Studium in Israel. Im vergangenen Jahr dann gastierte Mehta mit dem Israel Philharmonic Orchestra in São Paulo - und Adriano durfte zur Unterstützung in der Bassgruppe mitspielen. Zubin Mehta: „Er wurde sofort ein Held hier in Brasilien - genau wie Pelé.“

Der Dirigent ist ein Weltmusiker, der auf den unterschiedlichen Kontinenten seine Spuren hinterlässt. In Wien absolvierte der Inder sein Dirigier-Studium noch beim legendären Hans Swarowsky. Regelmäßig reist er mit dem Israel Philharmonic Orchestra nach Südamerika. Im Jahr 1962 betrat Mehta als junger, noch unbekannter Dirigent erstmals südamerikanischen Boden. Er dirigierte das Radio-Orchester im Saal der Rechtsfakultät in Buenos Aires. „Und in der sechsten Woche floh ich, weil eine Revolution ausbrach“, erinnert sich der Maestro.

In den Siebzigerjahren dann gastierte er mit dem Casals-Festival in Caracas und schipperte mit der ganzen Familie im Urlaub über einen Nebenfluss des Amazonas. Voller Begeisterung spricht er über eine Begegnung mit den Makumba: „Sie verehren den heiligen Georg und in ihren Riten vermischen sie Katholizismus und Afrikanisches. Der Rhythmus ihrer Tänze und Gesänge ist unglaublich und hat die Musik Brasiliens geprägt.“

Jetzt genießt der Unermüdliche es, die Münchner Philharmoniker auf diesem Kontinent zu begleiten. Und dass er mit ihnen Mahlers Erste, Tschaikowskys Vierte, Bruchs Violinkonzert, Verdis Ouvertüre zu „Forza del destino“ und Weberns Passacaglia aufführen darf. In allesamt „gut klingenden Sälen“, wie er sagt. Von São Paulo führt ihre Reise weiter nach Rio de Janeiro und bis ins argentinische Buenos Aires. Sie gehören zu den Auserwählten, die bei zwei Konzerten im Zauberklang des Teatro Colon schwelgen dürfen. Jahrelang wurde das berühmte Opernhaus renoviert und heuer im Mai erst wieder eröffnet.

Im Jahr 1995 unternahm der Dirigent seine erste Reise mit den Münchner Philharmonikern: In Florenz war ihr Maestro Sergiu Celibidache gestürzt. Mehta sprang ein und dirigierte die Konzerte in Florenz, Madrid und Wien. „Ich werde es nie vergessen, Bruckners Vierte im Wiener Musikvereinssaal. Ich wusste, wie Celi sich darauf gefreut hatte und ich sagte zu den Musikern: Spielt es nach dem Meister. Ich habe ihn an diesem Abend hinter mir gespürt, und die Philharmoniker haben gespielt wie die Götter.“

Neue Pläne mit den Münchner Philharmonikern hat Mehta schon: Wenn er 2011 ans Pult des Bayerischen Staatsorchesters zurückkehrt, um „Turandot“ (Regie: Fura dels Baus) zu dirigieren, nimmt er sich auch Zeit für die Philharmoniker. Im November 2011 feiert er mit ihnen das Hundertjährige von Mahlers „Lied von der Erde“ - in München und in Wien. Doch erst einmal lassen sich Dirigent und Orchester feiern - von begeisterten Brasilianern, denen ihr „Tico-Tico no fubá“ einen Freudenschrei entlockt und in die Glieder fährt. Der Rhythmus liegt ihnen halt im Blut.

Gabriele Luster

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