Münchner Politikschlacht - Gerissene und gruselige Satire: Georg M. Oswalds "Vom Geist der Gesetze"

München - Man kann sich vorstellen, worauf das alles hinausläuft: Kurt Schellenbaum hat als Generalsekretär einer Partei mit gewagten Äußerungen provoziert. Er fährt am nächsten Morgen mit dem Dienstwagen einen Fußgänger über den Haufen und nötigt aus Imagegründen seinen Fahrer, die Schuld auf sich zu nehmen.

Der Fußgänger ist der chronisch verschuldete, derzeit schreibgehemmte Drehbuchautor Ladislav Richter, der unter Schock ein Schweigegeld bereitwillig annimmt, dann aber von seiner Freundin zu einer Anzeige wegen Fahrerflucht gedrängt wird.

Zwischen Rache, Waffengeschäft und Geldwäsche

Ludwig Heckler ist ein Anwalt, der Erfahrung hat mit der diskreten Vertretung prominenter Mandanten, weshalb er auch den von Schellenbaum vorgeschobenen Fahrer verteidigt. Den Fall bearbeitet mit ihm ein junger Kollege, Neffe des Chefs der Landesbank. Letzterer hat mit Heckler unlängst in einem Waffengeschäft ein bisschen Geldwäsche betrieben, was wiederum Hecklers betrogene Ehefrau Philomena für ihre Rache nutzt. Alles klar?

Es gehört jedenfalls nicht besonders viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie sich die Beteiligten in allerlei Scharmützeln miteinander verkeilen. Aber gerade weil Georg M. Oswald das Erwartbare und Naheliegende in unerwarteten Wendungen und fast unwahrscheinlicher Wirklichkeitsnähe erzählt, ist sein Roman "Vom Geist der Gesetze" so unterhaltsam wie spannend.

Unter eben diesem Titel veröffentlichte 1748 der französische Staatstheoretiker Montesquieu sein Hauptwerk, in dem er über Regierung, Gewaltenteilung und Ursachen der Gesetze philosophierte. In deren Gesamtheit wollte er den Charakter einer Nation erkennen. Oswalds Buch wiederum bestärkt aufs Herzhafteste den allgemein gehegten Verdacht, dass der Charakter unserer Gesellschaft bisweilen bestechlich und korrupt ist, ihre mächtigen Akteure aber auch gegenseitig dafür sorgen, dass sie ihr Fett abkriegen.

Als Gesellschaftsroman bewirbt der Rowohlt Verlag das Buch des Münchner Autors und Anwalts Oswald. Der Begriff mag der Tatsache geschuldet sein, dass in dieser Geschichte um Geld und dessen Einfluss eigentlich alle sozialen Schichten vertreten sind.

Dass sie außerdem einen Ausschnitt des Gemeinwesens exemplarisch und naturgetreu abbildet und auf gelassene, elegante Weise auch Gesellschaftskritik übt. Und dass sie eine der wichtigsten Spielregeln in den Mittelpunkt stellt: das Beherrschen der sozialen Codes, ohne die kein Aufstieg möglich ist. Oswald lässt die Ehe-, Justiz- und Polit-Schlammschlachten erkennbar vor Münchner Kulisse spielen, ohne das jemals ausdrücklich zu erwähnen.

Und obwohl er so einige Possen und Pannen der gesellschaftspolitischen Realität genüsslich eingebaut, nur leicht verfremdet und neu kombiniert hat, handelt es sich doch keinesfalls um einen Schlüsselroman. Georg M. Oswald hat sich einfach die Tatsache zunutze gemacht, dass die Wirklichkeit, zur Kenntlichkeit verdichtet, manchmal die größere Farce ist als ihre Erfindung.

Am Ende haben ­ und das ist das einzig Unrealistische ­ alle von der unangenehmen Angelegenheit profitiert, was beim einen tröstet, beim andern ärgert: Der Drehbuchautor bekommt noch eine letzte Chance vom Filmproduzenten. Und der Generalsekretär einen Übergangsposten bei einer Stiftung, die unter anderem Filmprojekte fördert... Eine gerissene, gewitzte und gruselige Satire.

Georg M. Oswald: "Vom Geist der Gesetze". Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 348 Seiten; 19,90 Euro.

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