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Münchner Residenztheater: Spielzeitstart mit „Engel in Amerika“ aus Basel

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Szene aus der Baseler Produktion „Engel in Amerika“ in der Inszenierung von Simon Stone, die jetzt am Bayerischen Staatsschauspiel läuft.
Bessere Seifenoper: Florian Jahr (li.) und Nicola Mastroberardino in der Baseler Produktion „Engel in Amerika“, die jetzt am Bayerischen Staatsschauspiel läuft. © Birgit Hupfeld/Münchner Residenztheater

Das Bayerische Staatsschauspiel ist in die neue Saison 2022/23 gestartet und zeigt zum Auftakt im Residenztheater „Engel in Amerika“. Die Inszenierung von Simon Stone ist eine Übernahme aus Basel, wo sie bereits 2015 Premiere hatte.

Letztlich ist alles nur Show, nur schöner Schein aus Flitterkram und Schminke; das gilt fürs Theater ohnehin, aber auch für die polierte Fassade des wirklichen Lebens. So lautet die Botschaft, die einem gleich aus dem Bühnenbild entgegengellt. Denn Simon Stones Inszenierung von Tony Kushners bejahrtem Kultstück „Engel in Amerika“ (1993) präsentiert eine Reihe von Schminktischen im Hintergrund, an denen sich die Darsteller ihre „Charaktermasken“ anlegen.

Simon Stone inszenierte „Engel in Amerika“ 2015 fürs Theater Basel

Abschminken kann man sich hingegen die Hoffnung auf Aktualität: Premiere hatte diese Inszenierung quasi in Vorkriegszeiten, nämlich im Jahr 2015 am Theater Basel zum Start der dortigen Intendanz des heutigen Residenztheater-Chefs Andreas Beck. Jetzt ist die Aufführung nach Verschiebungen auch in München rausgekommen. Und tatsächlich braucht man eine Engelsgeduld an diesem Theaterabend, der mit knapp sechs Stunden Länge (drei Pausen) die Dimensionen einer Wagner-Oper hat, aber doch bloß eine bessere Seifenoper ist.

„Engel in Amerika“ ist eine bessere Seifenoper

Sie erzählt von der historischen Figur Roy Cohn (Roland Koch), der erst als Kommunistenfresser, dann als ebenso korrupter wie reaktionärer Mafia-Anwalt Karriere machte und bis zu seinem Aids-Tod 1986 seine Homosexualität tabuisierte. Sein Assistent (Michael Wächter), ein Mormone und Reagan-Wähler, ist da schon fortschrittlicher: Er verlässt seine valiumsüchtige Frau (Pia Händler) für einen Mann. Natürlich kann man die Krankheit Aids und den seinerzeit verschämt-verdrucksten Umgang mit ihr hier auch als Metapher verstehen für eine viel größere, umfassendere Krankheit der Gesellschaft: für die Krankheit eines Systems, dem eben nicht nur auf dem Nebenschauplatz der Sexualität der Widerspruch zwischen moralischem Schein und verlogen-brutalem Sein von Anfang an innewohnt, weil die Prinzipien der Konkurrenz und der Humanität grundlegend unvereinbar sind – in Roy Cohns Worten: „Nett sein oder effektiv sein.“

Simon Stone verweigert eine aktuelle Deutung des Stoffs

Aber anstatt solche Deutungslinien zu betonen (das wäre ja Regietheater), versteckt Simon Stone sie mal hinter werktreuem Realismus im Broadway-Stil, mal in melodramatischen Bildern mit Schneeflockengeriesel und rothaarigen Engeln im Trenchcoat, die mit Knall, Rauch und Funkenstieben durch die Decke krachen. Bleibt am Ende nur die unbedeutende Frage, was das alles mit uns heute, also mit der nächsten Gasrechnung zu tun hat, die viele vielleicht nicht mehr bezahlen können. Gut möglich, dass denen homophile Mormonen im New York der Achtziger derzeit nicht als das drängendste Problem erscheinen. Freundlicher Applaus.

Alexander Altmann

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