Münchner Residenztheater: Tauchstation in Chinatown

- Irgendwie muss dieses vertrackte, merkwürdige, vollkommene Stück "Im Dickicht der Städte" des jungen Bertolt Brecht doch zu stemmen sein. Die harte Poesie der Sprache, die Radikalität der Figuren, die Gier nach Geld, die Sucht nach Liebe, der Trieb zur gegenseitigen Vernichtung, der Spaß an der Dialektik - das alles trifft den Nerv auch unserer Zeit und übt daher auf junge Regisseure offenbar eine besondere Faszination aus.

Aber wie das Ding auf die Bühne bringen? Tina Lanik versuchte es jetzt am Münchner Residenztheater - mit großen, opulenten Bildern, bunten Ideen, reger Betriebsamkeit und zwei Protagonisten, Thomas Loibl als Garga und Rainer Bock als Shlink, die für dieses Stück wie geschaffen scheinen.

Der Kampf zweier Männer in der Riesenstadt Chicago im Jahr 1912. Herausforderer ist der reiche Malaye und Holzhändler Shlink; jener, der den Kampf annimmt und natürlich das damit verbundene Geld, der arme Garga. Worum der Fight geht, weiß niemand so genau. Es ist vor allem der Reiz der einzelnen Kampfetappen, der Stil, die Methode. Gegeneinander stehen das Geistige, Metaphysische, das Shlink sich in diesem Duell zu suchen leistet, und das Grobe, Materielle, das Garga hier gewinnen will, indem er sich seine eigene Ansicht von Shlink abkaufen lässt.

"Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über die Motive dieses Kampfes, sondern beteiligen Sie sich an den menschlichen Einsätzen, beurteilen Sie unparteiisch die Kampfform der Gegner und lenken Sie Ihr Interesse auf das Finish." Diese Anleitung stellt Brecht seinem Text voran. Also ließe sich durchaus das Ganze als ein sportliches Großereignis, ein Boxkampf der Champions in elf Runden aufziehen. Doch das wollte die Regisseurin gerade nicht. Sie stellt einzelne, in sich schön erzählte Bilder auf die Bühne, deren offene Weite sie als Herausforderung annimmt.

Wenn Thomas Loibl als Garga die Szene betritt, mit Tisch, Stuhl und Büchern unterm Arm, nimmt er diesen großen, leeren Raum prüfend in Augenschein, um sich für die erste Szene dann doch lieber ganz nach vorn an die Rampe zu platzieren. Da kann er dann auch, nach dem "Überfall" Shlinks und seiner Leute, schon mal die zum Glitzervorhang gewandelte Brecht-Gardine ziehen. Derweil sich dahinter, im Kontor des Holzhändlers Shlink, ein Heer von Chinesinnen aufstellt, die, sobald sich der Vorhang öffnet, wie wild telefonierend herumwuseln. Großstadtdickichtmäßig eben.

Als optischer Witz gelingt Tina Lanik ebenso die Szene, die im chinesischen Hotel spielt: Zwischen roten Lampions sitzen wie bei einer Trapeznummer an herunterhängenden Stangen die Schauspieler. Oder Lanik taucht die Bühne in lila Nebel, lässt hinten die Darsteller als Band auftreten und vorne Shlink und Garga die verschiedenen Kampfarten von Florett über Maschinengewehr bis zum Ringkampf vorführen.

Einige Minuten später öffnet sich in der Mitte der Bühne ein Wasserbecken, Tauchstation und Badeoase in Chinatown. Wenn es zur Hochzeit von Garga und Jane kommt, drängeln sich alle Beteiligten sehr komisch an eine lange Tafel, und aus dem Bühnenhimmel tropft weißer Schaum - bis der Boden voll davon ist.

Und das Stück schließlich, nun vollends aus dem Rhythmus der Brechtschen Kampf-Dramaturgie geraten, in dieser Schaumschlägerei der Regisseurin untergeht. Wenngleich ausgerechnet am Ende dieser Szene der heiterste, von Lanik hinzuerfundene Moment des Abends liegt: die Unterhaltung einer Chinesin auf Chinesisch mit John, dem verlassenen und verblödeten Vater Gargas.

Inmitten der Vielzahl von "Einfällen" behaupten sich dennoch immer wieder Thomas Loibl und Rainer Bock. Loibl, der seinem Garga die überlegene Kraft der Jugend gibt; der in dem Moment, da ihm Shlink tückisch die Firma überschreibt, sofort in Gier und Gaunerei verfällt; der sich vor nackter Bühnenwand durchboxt und dem man schließlich glaubt, dass er der übelste aller Kapitalisten werden wird.

Und Bock, der einen so gefährlichen wie komischen und melancholischen Shlink spielt, die homoerotische Neigung nur fein und knapp andeutend. In jeder Phase ist er der souveräne, reiche Mann, der Spieler, der die Menschen vorausberechnet, der Unternehmer, der den Kampf braucht. In seiner zurückgenommenen Art ist Bock hier fabelhaft und wäre umso aufregender, wenn nicht so viel überflüssiges Beiwerk der Regie die Figur fast zuschütten würde.

In dem Willen, sich der formalen Strenge Brechts zu widersetzen, oder der verständlichen Sorge, in ödes Theorie-Theater zu verfallen, fährt Lanik hier alles auf an Material, was so ein reiches Staatstheater zu bieten hat. Das aber gleicht einer Kapitulation vor dem Stück.

Dazu kommt Lanik stellenweise allzu detailverliebt in ein Psychologisieren, als handele es sich um einen Text des realistischen Theaters. Die unerwidert liebende Mary der Barbara Melzl wird, wo sie doch "nur" Kampfmaterial Shlinks ist, zu einer zuckenden, kaputten, psychotragischen Fallstudie, als käme sie direkt aus einem Drama von O'Neill. Zu vordergründig und viel zu laut ist auch die Jane der Marina Galic in Szene gesetzt.

So gerät der Zweikampf der Männer immer mehr aus dem Fokus. Zumal am Ende der Vorlage nicht Unwichtiges gestrichen wurde. Und man fragt sich, was Tina Lanik eigentlich mit dem Stück erzählen will. Mehr als dass die Städte voll, der Lärm groß und das Schauspiel dazu hübsch anzusehen sind, nehmen wir hier nicht mit nach Hause.

Nächste Vorstellungen:

7., 14., 16., 19. November 2007.

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