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Modell des Circus Sarrasani, bei dem es unglaublich viel zu entdecken gibt.

Münchner Stadtmuseum taucht in die Zirkus-Welt ein

München - Wenn eine Ausstellung schon „Non plus ultra!“ heißt und sich um das Menschen-Tiere-Sensationen-Medium Zirkus dreht, dann dürfen auch die Museumsleute auftrumpfen.

So bemerkte Direktor Wolfgang Till, der heute den letzten Tag im Amt weilt, mit Schmunzeln an, „die eigentliche Sensation“ seien die eigenen Bestände: „Das Haus dürfte sich auch Zirkus-Museum nennen.“ Das Münchner Stadtmuseum hat aus seinen unerschöpflichen Sammlungen diesmal „Circus – Kunst – München“ in die Museums-Manege gesetzt. Wobei die verwinkelten Räume sich natürlich nie mit Zelt-Flair vergleichen lassen.

Kurator Helmut Bauer zitiert den Zeltmeister: Der kommt auf den Platz, auf dem der Zirkus gastieren wird, rammt einen Pflock ein und zieht einen Kreis mit 13 Metern Durchmesser, „passend zu den Galoppsprüngen eines mittelgroßen Pferdes“. Zeltmeister Bauer schlug seinen Pflock in München ein. Das kannte lange vor der Institution Circus Krone, die im Mai 1909 ihr Winterquartier eröffnete, bereits diese vielfältige Unterhaltungsform. Bauer weiß überdies zu erzählen, dass die Zeitungsberichterstattung Zirkus- und Hoftheatervorstellungen gleichwertig behandelte. Außerdem kam mit den verschiedenen fahrenden Unternehmen die große weite Welt nach München. Ciniselli aus St. Petersburg war ebenso an der Isar wie Barnum & Bailey aus New York.

Die Schau selbst beginnt mit dem Beginn des Zirkus. Am Anfang waren die Seiltänzer und Gaukler, die Vaganten und Spaßmacher, die die Jahrmärkte besuchten. Dort saß das Geld lockerer – und es gab irgendwann Geschäftsleute, die alles von der Wander-Menagerie bis zum Kraftakrobaten zusammenführten. Der erste Zirkus entstand Ende des 18. Jahrhunderts. Handzettel, Grafiken, einfache Vorformen vom Plakat, aber auch Gemälde erzählen im Stadtmuseum von den Fahrensleuten und ihren Zuschauern.

Ein Großteil der Plakate, aber auch Sättel und Marionetten beweisen, wie extrem wichtig im 19. Jahrhundert die Pferdedressur war; die meisten verstanden ja auch was von Rössern. Wenn jetzt „Ben Hur“ im Olympiahalle nachgespielt wird, kann der Zirkuskenner nur müde lächeln. Natürlich hatten alle großen Firmen ihre antiken Wagenrennen, und Barnum schickte lässig 65 Löwen in seinen Circus Maximus. Insbesondere die Kunstreiterinnen wurden zu den unangefochtenen Stars der Zeit. Ein Bild schildert, wie die adeligen Herren um sie herumscharwenzelten. Manche elfengleiche Akrobatin wurde so zur Fürstin. Die Mädchen waren allerdings auch großartig: Sie mussten reiten und Figuren auf dem Pferd im Galopp ausführen können; zur Ausbildung gehörte gleichzeitig Ballett- und Schauspielunterricht. Ja, da stimmt das Lob: „non plus ultra“.

Der andere Großteil an Plakaten ist den übrigen Tieren gewidmet. Und da sticht die Faszination Raubkatze hervor. Prickelnd fand man vor allem die Kombination Riesenviech und zierliche Frau. Wir begegnen Tilly Bébé die im Nymphenburger Volksgarten mit Löwe Carlos schmust, oder Cilly, der Tigerbraut. Die Sembach-Krones, Chef-Dynastie des Circus Krone, wird mit vielen Fotos geehrt. Besonders schöne Kostüme sind zu entdecken, aber auch die Uniformen der Helfer und die Federbüsche der Pferde. Daneben die bunt sprühende Ausstattung des Artistenpaars Olga und Pierino sowie ein Flohzirkus mit einem in Ehren dahingeschiedenen „Künstler“. Um Chaplins Stummfilm „The Circus“ herum sind die Clowns gruppiert: mit zauberhaftem Harlekin- sowie Bajazzo-Gewand oder Grock- und Rivel-Marionetten.

Und damit jeder Besucher sich auch so richtig dem Kosmos Zirkus nähern kann, gibt es nicht nur ein Playmobil-Modell, sondern ein gigantisches Fein-Modell einer Sarrasani-Anlage des Aacheners Claus Lusch. Da fehlt nichts: von den LKW-Hängern mit Stroh für die Tiere übers große Zelt mit winzigen, maßstabgerechten Lichtschnüren bis zu den Autos der Besucher und sie selbst. Non plus ultra ist auch das Begleitbuch, fast schöner inszeniert als die Schau selbst.

Bis 21. März 2010, Buch: 34 Euro im Museum, Tel. 089/23 32 23 70, Eintritt: 6 Euro. #

Simone Dattenberger

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