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Solisten des BR-Chores stellten sich für die Messungen zur Verfügung. Verwendet wurde dabei der Rauch von E-Zigaretten, um die Ausbreitung von Aerosolen darzustellen.

CORONA-GEFAHR BEIM MUSIZIEREN

Studie zur Aerosol-Ausbreitung: „Singen ist nichts Negatives“

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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München - Wie gefährlich ist derzeit gemeinsames Singen oder das Spielen eines Instruments? Einige wenige Studien haben sich dieser Frage bislang gewidmet, die wohl umfangreichste, detaillierteste entstand in München. Und dies als Zusammenarbeit von Bayerischer Rundfunk, einem Forschungsteam der Ludwig-Maximilians-Universität und einem weiteren um Dr. Stefan Kniesburges von der Uniklinik Erlangen. Fünf Sängerinnen und fünf Sänger des BR-Chores sowie drei Trompeter, drei Klarinettisten und drei Querflötisten des BR-Symphonieorchesters stellten sich zur Verfügung. Seit Freitag liegen die Ergebnisse vor. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Matthias Echternach, Chef der Abteilung Phoniatrie und Pädaudiologie an der HNO-Klinik der Münchner LMU.

Prof. Dr. Matthias Echternach ist Leiter der Abteilung Phoniatrie und Pädaudiologie an der HNO-Klinik der Münchner LMU.

Was haben Sie untersucht?

Echternach: Unsere Studie hatte zwei Bausteine. Zum einen untersuchten wir die Ausbreitung von Aerosolen. Wir haben diese künstlich durch den Rauch von E-Zigaretten der Atemluft hinzugefügt, um die Ausdehnung darzustellen und zu messen. Bei einem zweiten Versuch schauten wir uns größere Tröpfchen an und wie die in den Raum katapultiert werden. Im Gegensatz zu diesen, die sofort nach unten sinken, können Aerosole lange in der Raumluft bleiben. Auch interessierte uns in einem Nebenversuch, wie es mit der sängerischen Atmung aussieht: Aus welchen Distanzen beziehe ich meine Luft und wie könnte ich mich dadurch potenziell infizieren? Die Ergebnisse dieses Versuchs haben mich erstaunt: Wir baten einen Sänger, nachdem wir den Raum mit dem Rauch-Gas-Gemisch gefüllt haben, tief und schnell einzuatmen. Dabei haben wir mit bloßem Auge fast keine Bewegung der Luft gesehen. Lediglich mit Unterstützung von Hochgeschwindigkeitskameras sah man die Einatmung deutlich: Wenn ich als Sänger drei, vier Liter akut inhalieren will, beziehe ich diese aus einer „Luft-Kugel“ mit einem Radius von nur zehn, zwölf Zentimetern. Bildlich lässt sich das mit dem bekannten Kerzen-Versuch erklären: Ich kann eine Kerze sehr gut auspusten. Ich kann die Flamme aber kaum aussaugen, weil ich das Gas nicht gerichtet, sondern von überall her beziehe. Ein infektiöses Gas müsste also direkt am Körper sein, um mir gefährlich zu werden.

Welche Abstandsempfehlungen geben Sie also?

Echternach: Wir haben nur den Impuls beobachtet und Daten gesammelt. Von ihnen ausgehend, stellten wir fest, dass die maximale Aerosol-Ausdehnung des Textgesangs bis maximal 1,5 Metern reicht und im Durchschnitt bei etwas unter einem Meter bleibt. Zwei bis zweieinhalb Meter Abstand nach vorn wären also zu empfehlen, wenn ein kontinuierlicher Abzug der Aerosole erfolgen kann. Letzteres ist gerade beim Laiengesang unbedingt erforderlich. In Kirchen könnte ich mir vorstellen, dass allein durch das Temperaturgefälle von draußen nach drinnen durch das Öffnen von Türen ein quasi natürlicher Luftabzug erfolgt. Zur Seite hin haben wir eine deutlich geringere Ausdehnung gemessen, hier stellen wir uns einen Abstand von eineinhalb Metern vor. Auch Plexiglasscheiben könnten helfen, den Nachbarn zu schützen.

Welchen Sicherheitsabstand empfehlen Sie zwischen Bühne und Publikum?

Echternach: Unter der Voraussetzung, dass die Aerosole abgesaugt werden und Frischluft hereinkommt, kann der Abstand genauso niedrig sein wie zwischen den Sängern. Mehr als zweieinhalb, drei Meter erscheinen mir nicht notwendig. Und wenn es um den Abstand zwischen Dirigent und Musikern geht: Dieser kann sich ja mit einer Maske schützen.

Sie haben jeweils einen Sänger einzeln getestet. Aber gibt es nicht Wechselwirkungen, wenn
mehrere im Raum sind?

Echternach: Das stimmt. Wir haben zum Beispiel Einzelversuche gemacht, in denen wir uns gegenseitig angesungen haben. Wir wollten wissen, wie sich unsere Atemgase erreichen. Bei drei Metern Abstand war das nicht der Fall, sie haben sich gerade nicht berührt. Aber wie das bei großen Chorwerken wäre, müsste man vermutlich anders simulieren. Größer besetzte Chorwerke sind also vorerst nicht möglich. Das Problem an der ganzen Diskussion ist: Es handelt sich immer um Risiko-Abschätzungen. Sobald ein Chorist krank ist, kann es immer sein, dass sich der Nachbar ansteckt. Wenn keiner infiziert ist, kann ich auch Mahlers Achte, die „Symphonie der Tausend“, aufführen. Hätten Sie mich vor zwei Monaten gefragt, dann hätte ich das absolute Risiko der Infektion durch Gesang deutlich höher eingeschätzt, weil die Durchseuchung in Deutschland höher war. Eine geringere Infektionsrate minimiert das Risiko für Aufführungen. Nicht zuletzt können vor allem Corona-Tests dieses Risiko entscheidend beeinflussen. Empfehlungen bedeuten allerdings immer Interpretation. Unser Ziel war es vor allem, Daten zu sammeln, aus denen sich Konsequenzen ergeben können und die man diskutieren kann.

Und beim Orchester?

Echternach: Da sind wir noch nicht so weit, dass wir Abstände empfehlen können. Meines Erachtens haben die Überlegungen der Berliner Charité zu den einzelnen Instrumenten vorerst gute Einschätzungen geliefert: 1,5 Meter Abstand zwischen den Streichern, zwei Meter bei Blechbläsern plus zusätzlichen Plexiglasschutz.

Ist Luft, die mit dem Rauch von E-Zigaretten angereichert wird, wirklich vergleichbar mit normaler Atemluft?

Echternach: Das Gas ist tatsächlich leicht anders. Aber die Trägersubstanz hat eben den Vorteil, dass die Partikel ähnlich groß sind wie Aerosole. Der zweite Vorteil: Die Substanz enthält Glyzerin, das die Verdunstung verhindert. Die Partikel bleiben uns also eine Zeitlang erhalten, wie es die realen Aerosole auch tun. Wenige Sänger hatten am Anfang Hustenreiz, weshalb wir mit ihnen trainiert haben. Schlussendlich konnte jeder mit diesem Gas singen. Und darauf kam es an, weil wir die Aerosole wunderbar verfolgen konnten.

Wie gefährlich ist das Schauspiel?

Echternach: Eine spannende Frage. Schauspieler müssen Konsonanten auch im Leisen so profiliert über die Rampe bringen, dass jede Silbe verstanden wird. Die Aerosol-Abstrahlung bei Konsonanten könnte also bei Schauspielern stärker sein als bei Sängern.

Was bleibt nach Ihren Untersuchungen noch offen?

Echternach: Die Antwort auf die Gretchenfrage: Wie viele Aerosole braucht es, um einen Menschen anzustecken? Das muss noch genauer untersucht werden. Die Frage ist auch, wie tief die Partikel beim Einatmen in den Körper gelangen. Dass zum Beispiel Profis tiefer einatmen und die Partikel damit an natürlichen Schutzmechanismen in den oberen Atemwegen leichter vorbeikommen, ist zwar denkbar, aber noch nicht bewiesen.

Trotzdem klingt das alles frustrierend für Sänger.

Echternach: Deswegen sage ich: Wir müssen die Menschen unbedingt wieder zum Gesang bringen. Mich stört sehr, dass im Moment Gesang mit etwas Negativem, Gefährlichem, sogar Todbringendem verbunden wird. Dabei ist auch das Gegenteil der Fall: Singen stiftet Sozialisation, schafft Wohlbefinden und ist sogar gesundheitsfördernd. Wir würden ohne das Singen viel in unserer Kultur verlieren.

Das Gespräch führte Markus Thiel.


Infos zur Studie:

Wie wurde vorgegangen?
Um den Atemausstoß beim Textgesang zu messen, wurden die Beteiligten unter anderem darum gebeten, „Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“ zu singen. Das Zitat aus Beethovens Neunter enthält eine Reihe von verschiedenen Konsonanten und charakteristische Ton-Intervalle. Untersucht wurde mehreres: Was passiert, wenn man alles mal leise, mal lauter, mal in hoher, mal in tiefer Lage singt? 

Was ist ein Aerosol?
Der Begriff meint eigentlich das Aerosolteilchen und die es umgebende Luft. Ein Aerosolpartikel misst etwa 100 Nanometer, also 0,0001 Millimeter. Beim Sprechen, Singen und dem Spielen von Instrumenten bilden sich viele Aerosole. Das Coronavirus kann dadurch übertragen werden. Die Studie untersuchte auch, wo besondere Aerosol-Austrittsstellen bei Instrumenten sind.

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