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In Sachen Programmzusammenstellung und Nutzung der Neuen Medien lassen die Münchner Symphoniker die anderen Klangkörper der Landeshauptstadt hinter sich.

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Münchner Symphoniker: Handys ausdrücklich erlaubt

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Handys an im Konzert? Bei den Münchner Symphonikern ist das sogar gewünscht. Die  App „Wolfgang“ erklärt während der Aufführung Dvoraks Neunte 

München - Eine Todsünde, eigentlich. Doch der Veranstalter duldet sie nicht nur, sondern ermuntert ausdrücklich dazu. Handys also an (bitte bei ausgeschaltetem Ton), und das mitten im Konzert, genauer: im zweiten Teil, zu Dvoraks neunter Symphonie. Aber „Wolfgang“ ist auch denkbar dezent. Er spricht nicht, bietet dafür schwach leuchtende weiße Schrift auf schwarzem Grund. Alle rund 20 Sekunden gibt’s die nächste Info – es ist das erste per Mobiltelefon untertitelte Konzert in Deutschland. Die Münchner Symphoniker machen’s im Herkulessaal möglich. Entwickelt wurde die Smartphone-App „Wolfgang“ in den Niederlanden, dortige Klangkörper haben sie bereits genutzt. Das Programm lädt sich flott herunter, auf vielen Besucherschenkeln liegt ein Handy. Zu viel Ablenkung? Eher nicht, die Untertitel wechseln im erträglichen, großzügigen Rhythmus.

Am besten sind allgemeinere Hintergrundinfos, der Live-Ticker zu den Dvorak-Sätzen lenkt zwar die Aufmerksamkeit auf Details, schreit aber nach Korrekturen. Es liegt wohl auch an der Übersetzung. „Devote Klänge“ oder eine „Seligkeit“, die „zu entarten“ droht – nun ja. Und manchmal rangieren die Texte auf der Ebene eines ABC-Konzertschützen à la „Schau‘ mal ein Schimmel, und der ist weiß.“ Dennoch: „Wolfgang“ öffnet eine Tür in einen neuen, aufregenden Klassikraum. Zugespitztere, Internet-üblichere Textformen ohne Girlanden sind denkbar, Notenbeispiele, vielleicht auch Interaktion. Für eines der nächsten Konzerte will Chefdirigent Kevin John Edusei höchstselbst die Untertitel verfassen. Und am schönsten wäre es, wenn man dann nicht über einen Hit wie Dvoraks Neunte aufgeklärt würde, sondern über das Neuland für Symphoniker-Besucher.

Die „Ballade für Orchester“ von Samuel Coleridge-Taylor (1875-1912), eine herbe, gern filmmusikhafte Weiterführung europäischer Romantik mit Klangverdickungsgefahr, wäre im Debüt-Konzert ein lohnendes Objekt gewesen. Ebenso Duke Ellingtons „Harlem-Suite“, mit der Kevin John Edusei sein lustvoll spielendes Ensemble in mindestens Münchens lässigste Bigband verwandelt. Alle diese Werke, an Dvoraks „Aus der Neuen Welt“ aufgehängt, kreisen um US-Amerikanisches.

Edusei führt die Symphoniker vor der Pause am straffen Zügel, ermuntert trotzdem zu klanglicher Expansion. Delikater Bernd Alois Zimmermanns Trompetenkonzert „Nobody knows de Trouble I see“. Einspringer Simon Höfele bleibt extrem wandlungsfähig in der Nuancierung, sein Ton hat trotz aller Prägnanz immer Wärme. Etwas mehr Raum gibt Edusei den Musikern in der Dvorak-Symphonie, was auch Unscharfes produziert. Trotzdem eine zügige, spannende, betont unromantische Lesart, die das Moderne in Dvorak sucht, weniger den Wohlfühlmoment. Jubel, der vorführt: Was intelligente, erhellende, nicht zu überfordernde Programme betrifft, lassen die Symphoniker mit solchen Abenden und ihrem Faible für Neue Medien alle anderen Münchner Klangkörper hinter sich.

Weitere Termine
mit der Konzert-App „Wolfgang“ bei den Münchner Symphonikern am 23.11., 18.12., 30.1., 13.3. und 8.5.; Infos unter www.muenchner-symphoniker.de.

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