Kevin John Edusei borggreve

Münchner Symphoniker

„Wir wollen Münchens nahbarstes Orchester sein“

München - Dirigent Kevin John Edusei über seinen Start bei den Münchner Symphonikern und darüber, was in der Saal-Debatte schiefläuft

Mit der Verpflichtung von Kevin John Edusei als Chefdirigent hätte den Münchner Symphonikern nichts Besseres passieren können. Seit Beginn dieser Saison ist das Ensemble auch ins Blickfeld jener gerückt, die sich selten oder noch nie eine Karte für dieses Orchester besorgt haben. Mittlerweile wurde der 37-Jährige auch zum Chefdirigenten des Berner Musiktheaters berufen. Heute (Prinzregententheater) und morgen (Herkulessaal) führt er mit den Symphonikern unter anderem die „Symphonie fantastique“ von Berlioz auf.

In der Diskussion über einen neuen Konzertsaal ist immer nur vom BR-Symphonieorchester und den Münchner Philharmonikern die Rede...

Da rennen Sie bei mir offene Türen ein.

Fühlen Sie sich demnach vergessen?

Ich hätte mir einfach eine andere Diskussion gewünscht, eine, die sich nicht nur auf zwei Orchester fokussiert, sondern auch darauf, was ein Neubau für das gesamte Musikleben einer Stadt bedeuten könnte. Was den Fall der Münchner Symphoniker betrifft: Wir erleben schon jetzt, dass es für uns unglaublich eng wird, wenn es um Konzert- und Probentermine geht. Diese Situation wird sich noch verschärfen, wenn der Gasteig umgebaut wird und Ausweichspielstätten notwendig sind. Das betrifft aber auch das Münchener Kammerorchester, das Rundfunkorchester, die Hofkapelle oder die Klangverwaltung – alles Ensembles, die entscheidend zum Musikleben beitragen. Mit ihnen allen müsste man sich an einen Tisch setzen.

Sind die Politiker durch die Supertanker der Szene geblendet?

Es ist interessant, dass in dieser Debatte immer mit Abo-Zahlen hantiert wird. Natürlich sind wir mit rund 3000 Abonnenten ein kleinerer Faktor als etwa die Philharmoniker. Diskutiert werden muss aber vielmehr die Reichweite eines Orchesters. Die der Philharmoniker ist um ein Vielfaches hörer als die gezählten 15 000 Abonnenten. Ähnliches bei uns. Wir haben eine Auslastung von durchschnittlich 85 Prozent, Tendenz steigend. Wir spielen 60 Konzerte in München – und erreichen damit rund 80 000 Wählerinnen und Wähler. Dazu kommen die Abende im Umland, mit denen wir 60 000 weitere erreichen. Diese Zahlen verdeutlichen erst, welch großes Gewicht die klassische Musik hat.

Fühlen Sie sich, wenige Monate nach Ihrem Start, hier angekommen?

Es gab einen geradezu rauschhaften Auftakt, das freut einen natürlich. Aber das ist nur der erste Schritt. Das Orchester wird sich repertoiremäßig weiterentwickeln und seine Profilierung vorantreiben.

Mit Ihnen gibt es auch eine starke Personalisierung – wenn man an die Plakate denkt. Das Orchester hat nun ein Gesicht.

Ich glaube, dass so etwas unbedingt nötig ist, und zwar für jedes Orchester. Wir wollen unter den Münchner Ensembles das nahbarste sein. Dazu gehört, dass man weiß, mit wem man es zu tun hat. Aber hinter mir gibt es ja 60 weitere, genauso wichtige Gesichter.

Wie behutsam müssen Sie bei der Repertoire-Entwicklung vorgehen? Das Symphoniker-Publikum ist ja sehr Populäres gewohnt.

Allgemein darf man die Zuhörer nie unterschätzen. In kurzer Zeit habe ich gelernt, dass wir hier ein tolles Publikum haben. Und dass man sich keine Vor-Annahmen erlauben darf. Entscheidend ist, wie weit ein Publikum Orchester und Dirigent vertraut. Und wenn diese Beziehung gefestigt ist, kann man sagen: „Hört Euch doch mal das an, davon sind wir auch überzeugt.“ Publikumserziehung gab es früher in Deutschland, doch so etwas ist passé.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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