Äußerlich geschunden, doch mit enormer innerer Kraft: Herta (Nina Steils) entzieht sich der Vernichtung.
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Äußerlich geschunden, doch mit enormer innerer Kraft: Herta (Nina Steils) entzieht sich der Vernichtung.

Abdullah Kenan Karaca inszenierte „Übergewicht, unwichtig: Unform“ von Werner Schwab

Die Nacht der lebenden Toten am Volkstheater

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Es war die vorletzte Premiere dieser Spielzeit am Münchner Volkstheater. Der scheidende Hausregisseur Abdullah Kenan Karaca inszenierte „Übergewicht, unwichtig: Unform“ von Werner Schwab. Unsere Premierenkritik:

  • „Übergewicht, unwichtig: Unform“ von Werner Schwab wurde 1991 uraufgeführt.
  • Jetzt hat Abdullah Kenan Karaca das Stück fürs Münchner Volkstheater inszeniert.
  • Es ist die vorletzte Produktion, die am alten Haus in der Brienner Straße herauskam.

In diesem Wirtshaus gerät sauber was ins Rutschen: Der dreckstarrende Boden, den Vincent Mesnaritsch auf der Bühne des Münchner Volkstheaters hat verlegen lassen, fällt zur Rampe hin ab. Denn auch in Werner Schwabs „Übergewicht, unwichtig: Unform“ schlittern die Gäste unaufhaltsam dem Abgrund entgegen. Was beginnt als Abend mit den üblich derben Frotzeleien der Stammkundschaft, begleitet vom kurzen Aufflackern der Gewalt, entlädt sich blutig in einer Nacht der lebenden Toten.

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – oder, wie Schwab es seinen Dorfphilosophen Jürgen sagen lässt: „Dass wir immer wieder uns umbringen und hinunterfressen müssen. Dass das Gleiche immer wieder einfach so daherkommt, als täte es die Möglichkeit, dass man sagt: Oh weh, schon wieder das Gleiche, gar nicht geben.“

„Übergewicht, unwichtig: Unform“ stammt von 1991

Abdullah Kenan Karaca hat das 1991 uraufgeführte Stück des österreichischen Dramatikers (1958-1994) nun fürs Volkstheater inszeniert. Mit der heftig beklatschten Premiere am Donnerstag kehrte die Bühne aus der Zwangspause zurück – der Abend ist zudem die vorletzte Produktion, die an der Brienner Straße herausgekommen ist. Vor allem aber sind diese etwas mehr als 100 pausenlosen Minuten ein überzeugender Auftakt in die Rest-Spielzeit, die am Volkstheater am 20. Juni endet – und ein starker Abschied des scheidenden Hausregisseurs, der 1989 in Garmisch-Partenkirchen geboren wurde.

Karaca nimmt Werner Schwabs Figuren wohltuend ernst

Karaca und sein Ensemble nehmen Schwabs Figuren wohltuend ernst. Sie zeigen die Wirtshaus-Bagage in all ihrer Traurigkeit, Hässlichkeit und Brutalität – ohne aber Karikaturen auszustellen. Dadurch schafft es die Inszenierung, den Blick durch allen Dreck, durch die Tumbheit und den Schmerz auf den Kern des Dramas zu lenken. Erneut ist es Jürgen, der früh bemerkt: „Die Menschenwürde in einem Menschen muss man einfach anerkennen wie die tägliche Wetterlage, dann kann man nicht verstoßen gegen sie.“ Schwab baute diese Feststellung in Variationen immer wieder in den Text ein – und lässt sie von den Figuren doch ebenso häufig missachten.

Der Gewaltexzess wird exakt vorbereitet

Das „schöne Paar“ gerät zufällig in die Wirtsstube und führt den Stammgästen durch seine selbstzufriedene Harmonie die eigenen Unzulänglichkeiten erbarmungslos vor Augen. So lange, bis die es nicht länger aushalten: Wie Körperfresser verleiben sie sich die Makellosigkeit der Fremden ein, löschen jeden Widerspruch zum eigenen Dasein durchs Auffressen aus. Natürlich ist diese kannibalische Orgie eine kreischende Splatter-Show. Dass er es hier krass krachen lässt, macht aber umso deutlicher, wie genau Karaca auf den Gewaltexzess hingearbeitet hat.

Das Volkstheater-Ensemble überzeugt

Das Ensemble geht seinen Weg mit und überzeugt nicht zuletzt durch das stumme Spiel miteinander: Etwa Carolin Hartmann, deren Fotzi für die anderen wahlweise Matratze oder Fußabtreter ist – und die doch nur ein paar Groschen für die Jukebox will. Meist am Bühnenrand sitzend, begleitet Hartmann das Geschehen, duckt sich weg vor den (verbalen) Hieben und gibt ihrer Figur im Leid dennoch eine stille Würde. Vincent Sauer zeichnet seinen Karli als tickende Zeitbombe – und bremst, bevor es zu klischeehaft wird. Pascal Fligg wiederum kostet das Spiel mit den Pausen aus, etwa wenn er in seiner Rolle als Wirtin kaum merklich zögert, bevor er die fremden Gäste „Menschen“ nennt.

Schließlich ist da Nina Steils, deren Herta an Leib und Seele heftigst geschunden wurde, die aber die innere Kraft aufbringt, das „schöne Paar“ nicht aufzufressen – und deshalb stolz und zum ersten Mal feststellt: „Ich kann heute: ICH sagen.“ Das aber ist der erste Schritt zur Freiheit.

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