Regisseurin am Rande des Nervenzusammenbruchs: Hannah (Nina Steils) hört in der letzten Folge der Webserie „Spielzeit“ zufällig vor dem Münchner Volkstheater, dass Intendant Stückl ihre Inszenierung übernehmen will, wenn sie nicht liefern kann.
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Regisseurin am Rande des Nervenzusammenbruchs: Hannah (Nina Steils) in der Webserie „Spielzeit“.

Das Münchner Volkstheater und die Filmhochschule zeigen die Webserie „Spielzeit“

Das Volkstheater ist filmreif

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Das Münchner Volkstheater und die Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) haben gemeinsam die Webserie „Spielzeit“ entwickelt. Eine dringende Empfehlung.

  • „Spielzeit“ heißt die gemeinsame Webserie von Münchner Volkstheater und HFF.
  • Die Produktion umfasst acht Teile, die von Studierenden der HFF inszeniert wurden.
  • „Spielzeit“ erzählt pointiert vom Alltag am Theater.

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, es war also mitten im ersten Lockdown, als Christian Stückl erklärte, dass sein Münchner Volkstheater im Gegensatz zu anderen Häusern kein Online-Programm anbieten werde. „Ich finde spannend, was viele Kollegen im Internet machen“, sagte der Intendant damals. „Aber meine Bühne ist das nicht.“

Jetzt aber hat Stückls Volkstheater ein wunderbares Format gefunden, das virtuell bestens funktioniert – und sehr viel mehr ist als abgefilmtes Schauspiel, als Zoom- oder Livestream-Aufführung: Zusammen mit Studierenden der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) hat die städtische Bühne die achtteilige Webserie „Spielzeit“ realisiert.

Die Produktion orientiert sich sehr lose und ganz frei an Arthur Schnitzlers „Reigen“. Jeder der rund zehn Minuten langen Filme gibt pointiert Einblicke in Theateralltag und Probenwahnsinn. Das ist mal schräg, mal abgefahren, mal platt, mal überraschend – dabei stets: unterhaltsam. Im Zentrum der Geschichte steht das Terrorregime („Wenn ihr das nicht spielen könnt, ist das euer Problem.“) der überforderten Regisseurin Hannah (Nina Steils). Sie soll mit dem Ensemble die erste Inszenierung für die Zeit nach Corona vorbereiten und droht, unter diesem Druck zu zerbrechen. „Jetzt haben wir bald Premiere. Jetzt musst du dich bitte mal entscheiden, was du willst.“ Allein das ist Hannahs Problem – obwohl allen klar ist: „Im Theater muss man liefern.“

Studierende der HFF haben „Spielzeit“ geschrieben und inszeniert

Fanny Rösch, Sebastian Husak, Alexander Löwen und Leo van Kann von der HFF haben die einzelnen Folgen geschrieben und inszeniert. In den Dialogen zelebrieren sie mit Freude das Spiel mit diversen Theaterklischees (Drogen, Alkohol, Sex, nicht zu vergessen: die Debatte um die „Meta-Scheiße“). Das macht beim Zuschauen sehr oft sehr viel Freude, daneben gibt es immer wieder funkelnde Szenen, die wahrhaftig sind und daher manchmal bitter. Etwa, wenn der Techniker fassungslos schimpft: „Ich versuche, meine Leute durch die Kurzarbeit zu bringen – und ihr fliegt in den Urlaub!“

„Spielzeit“ erzählt vom Probenwahnsinn in Corona-Zeiten

In der Umsetzung spürt man die Vorbilder der Filmleute ebenso wie ihre Lust, eigene Handschriften auszuprobieren. Das hebt „Spielzeit“ über das Niveau abgefilmter und online gestellter Aufführungen. Dass sich die Schauspielerinnen und Schauspieler des Volkstheaters engagiert in ihre Rollen stürzen, muss nicht extra erwähnt werden: Endlich können, endlich dürfen sie mal wieder spielen!

„Spielzeit“ hätte eine Fortsetzung verdient

Wir Zuschauer werden übrigens gleich im ersten Film porträtiert: Sarah kommt während des Lockdowns ins Theater, möchte sich Autogramme holen und wird aus Versehen für die Regisseurin gehalten. Auf der Probe klärt sie die Verwechslung nicht auf, sondern genießt den Luxus einer Vorstellung nur für sich. Wären wir nicht alle gerne Sarah?

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